© Thomas Koy

Literatur
08/28/2020

Werbung für Heinrich Heine, der in Bimini weiterlebt

"Der weiße Abgrund": Henning Boëtius schrieb einen Roman über das Leben in der „Matratzengruft“

von Peter Pisa

Leute, die gern über Krankheiten reden, werden in diesem Buch viel Gesprächsstoff finden.

Henning Boëtius hat über den Dichter Heinrich Heine (1797 – 1856) geschrieben, der seine letzten Jahre in Paris meist im Bett verbrachte („Matratzengruft“) – seine Glieder waren teilweise gelähmt, mit Mühe konnte er drei Schritte schleichen, ein Auge brachte er nicht mehr auf, in seinem Kopf schrie etwas, er brauchte immer mehr Morphium, Verstopfung hatte er auch (außer während einer Kutschenfahrt) ... man weiß bis heute nicht, ob Heine an Multipler Sklerose litt oder an einer Bleivergiftung; an Syphilis eher nicht.

Dem Deutschen Boëtius, Foto oben, gelangen ab 1987, seit „Schönheit der Verwilderung“, immer wieder sensible, sprachgewaltige, leidenschaftliche Romanbiografien

Keine Knödel

Auf den „schlesischen François Villon“ Johann Günther im Kampf gegen mittelalterliche Wertvorstellungen folgten Porträts von Lichtenberg („Der Gnom“), Arthur Rimbaud („Ich ist ein anderer“), vom sterbenden Goethe („Tod in Weimar“).

Und hieß es mitunter bei überschlauen Kritikern, man habe darin nichts Neues erfahren: Es gibt schon noch ein paar Leser, die keine Spezialisten sind. Die, jetzt zu Heinrich Heine, nicht mit dem Gedanken schlafen gehen, dass er am Ende eine Verehrerin namens Elise Krinitz hatte, die an seinem Bett saß; und die auch nicht mit dem Gedicht aufwachen, in dem sich „Henri“ Heine über die Unmöglichkeit einer körperlichen Liebe lyrisch ärgerte:

„... niemals Fleisch, geliebte Puppe ... Keine Knödel in der Suppe!“

Er war selbst im Sterben witzig. Setzte Elise Krinitz seinem Leiden mit Gift ein Ende? Boëtius deutet es an.

Er macht in dem schlanken Buch Werbung für einen Menschen, dem man nachsagte, heute unausstehlich und morgen amüsant zu sein. Arrogant und demütig. Ein Rätsel. Ein Mensch.

Er gönnt es Heine, wenn er zur Weißen Insel gebracht worden ist. Ein Aberglaube: Kein Schattenreich wartet, sondern ein lichter Hades.

Wahrscheinlich aber segelte Heine nach Bimini, dem Land, das – einem seiner Gedichte zufolge – ewiges Leben verheißt.

 

Henning
Boëtius
: „Der
weiße Abgrund“
btb.
192 Seiten.
18,90 Euro

KURIER-Wertung: ****

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