© Daniel Casanave / C.H.Beck Verlag

Literatur
11/17/2020

... und wieder 21 Bücher, ganz kurz

Diesmal mit Krautrouladen und Sadisten beim Bundesheer, Josephine Baker, Blutegel und einem beglückenden Esel

von Peter Pisa

Hararis Weltbestseller als Comics

Warum war nicht der erste „Mensch“ auf dem Mond ein ... Nilpferd? Der israelische Historiker Yuval Noah Harari, berühmt durch sein Wissen um die Welt, hat es in „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ erklärt. Nun ist sein erster Bestseller (vor „Homo Deus“) vom Belgier David Vandermeulen und vom Franzosen Daniel Casanave in einen Comics verwandelt worden: genauso intelligent, noch ein bissl visueller – und sehr komisch (mit Quizshow für Affen). Gewidmet den Ausgestorbenen und Vergessenen. Vier Teile wird es geben, der erste Teil ist erschienen.

Daniel Casanave (Zeichnungen) und David Vandermeulen (Text) nach Yuval Noah Harari:

„Sapiens. Der Aufstieg“ Verlag C.H. Beck, 248 Seiten, Preis 25,70 Euro

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

Die Zeichnung oben zeigt einen Ausschnitt des Covers

 

Kein roter Faden, nur Vergnügen

Viel  überraschender als „Atemlos“ von Helene Fischer. (Das musste jetzt sein.) Der Wiener Stefan Slupetzky ist für seine „Lemming“-Krimis bekannt, jetzt spielt er sich in zehn Geschichten mit der Arche, mit Poe, mit der EU und Rechtsextremen und mit dem Weinhaus zum Blunzenstricker. Kein roter Faden, bloß – fast immer – Gesellschaftskritik und Vergnügen.

Stefan Slupetzky:
 „Atemlos“
 Picus Verlag.
160 Seiten.
20 Euro
KURIER-Wertung: ****

 

Bei de Sade fällt Schokolade ein

Literatur inspiriert, sogar beim Kochen. Die Schweizerin Nicole Giger schafft die Verbindung. Liest de Sade und macht Baklava mit weißer Schokolade. Liest Jonathan Franzens „Korrekturen“ und macht Krautrouladen. Liest Pynchon und macht Bananenbrot. Nicht immer versteht man die Kombination, ist aber egal. Die einfachen Rezepte wird man sich gern merken.

Nicole Giger:
 „Ferrante, Frisch & Fenchelkraut“
 AT Verlag.
320 Seiten.
30,80 Euro

KURIER-Wertung: ****

 

Als Sadisten "normal" waren

Ein Wiener Jurist erinnert sich anhand  damaliger Aufzeichnungen an seinen Militärdienst in den 1970ern, als sadistische Ausbildner das Sagen hatten (meist Maturanten). Unfassbar, dass das als „normal“ hingenommen wurde. Ein  Nachwort, wie mit Rekruten heute umgegangen wird, wäre ein starkes „Wimmerl“ gewesen (= Fachausdruck für Rückengepäck).

Andreas Pauschenwein:
 „Hosenabschluss“
 Bibliothek der Provinz.
400 Seiten.
28 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Angst vor dem Montag

Am Sonntag heulen, weil man sich vor dem Montag fürchtet ...  Christine Mayr war Pressesprecherin der Grünen, der SPÖ, zuletzt Geschäftsführerin der Tiroler SPÖ. Dem Zusammenbruch  folgte die Überraschung: Es geht anders, man kann sogar tagsüber in Ruhe einen Kaffee trinken. Dieses Buch, flott und ehrlich, macht Mut, rechtzeitig ein neues Leben zu beginnen.

Christine Mayr:
 „Du machst das schon“
 Books on Demand.
196 Seiten.
12,40 Euro

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Von Gladiatoren und Schnalln

2000 Jahre Wiener Stadtgeschichte auf nur 200 Seiten ... und der Historiker und frühere Ö1-Redakteur schafft es sogar, mit Details derart zu erzählen,  dass man die Reise   in keiner Phase abbrechen will.  Auf die kleinen Leute vergisst Haider nie. Stadtgeschichte von Gladiatorenkämpfen in der Gegend um den Rennweg bis zum Verlust schöner Wörter wie Schnalln (Prostituierte) und Gfret (Plage) ...

Edgard Haider:
 „Wien“
 Elsengold Verlag.
232 Seiten.
32 Euro
KURIER-Wertung: ****

 

Gottesdienste, als die Baker tanzte

Über Weltstar, Freiheitskämpferin und Ikone Josephine Baker wurde im Zusammenhang mit diesem Buch im KURIER berichtet. Nachzutragen ist: Die Biografie ist  nicht aufgedröselt, will nicht wie ein Roman klingen, führt geradeaus zum Wunsch nach Respekt und Freiheit. Als die Baker 1928 in Wien sang und tanzte, wurden Sondergottesdienste abgehalten, um die Moral zu stärken.

Mona Horncastle:
„Josephine Baker“
 Molden Verlag.
304 Seiten.
28 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Der Esel hat Glück und ist Glück

Ein verwahrloster Esel mit Hufen, groß wie 46er-Schuhe, mindestens. Er wird überleben und, weil er eine Aufgabe braucht, fürs Eselrennen ausgebildet. Laufen befreit Sherman, so wird er genannt, aus seiner Agonie. Laufen ist sein Glück. Und er ist das Glück für seine neuen Besitzer. Eine Mensch-Tier-Beziehung, wohltuend  sogar dann, wenn man nur etwas darüber liest.

Christopher McDougall:
 „Das Glück ist grau“ Übersetzt von  Simone Jakob und Anne-Marie Wachs.

DuMont Verlag.
416 Seiten. 22,70 Euro
KURIER-Wertung: ****

 

Rätsel um den Bankkassier

Was der Versicherungsberater Raimund Keinrath im allerersten Buch aus einem Banküberfall im Burgenland herausholt, ist beachtlich. Auch ein Waldläufer am Geschriebenstein spielt mit. Manchmal fällt der Autor in Stakkato, aber das macht der bekannte Bernhard Aichner auch. Das schönste Rätsel steht auf Seite 11: Der überfallene Kassier ist ein „Serneut teint“ ... Ein Druckfehler. Wer findet als Erster die richtigen Wörter?

Raimund Keinrath:
 „Mordbuben“
 Edition lex liszt 12.
280 Seiten.
22 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Blick ins Grab und zu Tarantino

Das ist visueller Journalismus. Infografiken können zeigen, wer an Jeans am meisten verdient; wie die Grabkammer der Nofretete aussieht; wie viele Menschen in Tarantino-Filmen umgebracht wurden und mit welchen Waffen; was in einer Quintillion Jahren im Weltall geschieht. Süchtig machendes Entdecken und Verstehen. Österreich kommt leider kaum vor.

Jan Schwochow:
 „Die Welt verstehen mit
264 Infografiken“
 Prestel Verlag.
568 Seiten. 60,70 Euro
KURIER-Wertung: ****

 

Brücke mit negativer Energie

Es hat nicht nur die Strudlhofstiege etwas zu erzählen. Auch die Stiege am Hafnersteig, die Rahlstiege ... Und bei den Brücken Wiens hat nicht nur die Kennedybrücke Geschichte, auch die Ameisbrücke über die Westbahngleise mit ihrer negativen  Energie (viele Selbstmorde), die Pilgrambrücke, wo früher Färber arbeiteten. Ein Wochenendvergnügen, mit diesem Buch durch die Stadt zu spazieren.

Gabriele Hasman (Text) und
Charlotte Schwarz (Foto):

 „Faszinierende Wege“
 Falter Verlag.
248 Seiten. 29,90 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Die CIA und der Jaguargott

Ein deutscher Thriller zum Mitdenken. Darüber, was die CIA in Mittelamerika aufgeführt hat. Die Episoden muss man zusammenführen, dann wird klar, wie der Faden von San Salvador und Puerto Rico zu den Ermordeten rüberhängt, die mit dem Zeichen des Jaguargottes gebrandmarkt werden. Danach „CIA. Die ganze Geschichte“ vom US-Journalisten Tim Weiner.

Max Bronski:
 „Jaguar“
 Droemer Verlag.
320 Seiten.
11,30 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Ein selten guter Blutegel

Ein Blutegel reicht für eine schöne Lesezeit – bei  Stavarič und Schwab. Dann wird es ein Rätselbuch. Denn der Egel, der Blutberg heißt, aber sich Bobo nennt, malt die Welt außerhalb seines Tümpels:  Welches Tier steckt da seine Füßlein ins Wasser? (Der Elefant hat FÜSSLEIN?) Ekelig ist Bobo nicht, sondern einer der seltenen Blutsauger, die man brauchen kann.

Michael Stavarič (Text) und
Dorothee Schwab (Zeichnungen):

 „Balthasar Blutberg“
LuftschachtVerlag.
56 Seiten. 24,90 Euro
KURIER-Wertung: ****

 

Papa spielt, warum nicht mit mir?

Als seine Frau und Tochter Anfisa im März in St. Petersburg waren und er in Wien, Kontaktaufnahme unmöglich, hat der Schauspieler Michael Dangl der Zehnjährigen einen Brief geschrieben. Nicht so lang wie Knausgards Bücher für die Tochter und nicht die Welt erklärend. Sondern Kindsein vergegenwärtigend. Fühlend. Auch darum geht’s: Papa spielt. Warum spielt er nicht mit mir?

Michael Dangl:
„Anfisa, zu Dir“
Illustriert von Anfisa Margarita Dangl. Amalthea Verlag.  
160 Seiten. 20 Euro
KURIER-Wertung: ****

 

Die Neugier soll uns jucken

Jeder siebente Mensch hat mit dem  Zauberwürfel und den möglichen 43 252 003 274 489 856 000 Stellungen gespielt.  Der Ungar Ernö Rubik stellt sich und seine Erfindung  in diesem Buch vor – und weil er nicht gern schreibt, aber es trotzdem tat, gelingt das nicht so gut. Doch hält er ein Plädoyer für ein intellektuelles Jucken namens Neugier: Was passiert, wenn?

Ernö Rubik:
  „Cubed“ Übersetzt von Andreas Wirthensohn.
C.H. Beck Verlag.
215 Seiten. 20,60 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Aber schmusen geht immer

Mansche jiddische Wörter passen wunderbar in Sprache. Meschugge. Zores ...  Aber der Antisemitismus sucht sich gern Wörter, die ihm passen. Mauscheln etwa – geht gar nicht. Diese wenigen Buchseiten sollen zu einem Innehalten führen: Ist das Wort treffend? Respektvoll? Wenn nein – warum soll ich nicht „mosaisch“ sagen? „Schmusen“ hingegen ist immer möglich.

Ronen Steinke:
„Antisemitismus in der Sprache“
Duden Verlag.
64 Seiten.
8,30 Euro
KURIER-Wertung: ****

 

Keine Angst vor Keller-Wastl

Aus den drei sympathischen Räuberinnen im ersten Buch, die sich vor jedem Überfall  immer brav die Schuhe ausgezogen haben,  sind im zweiten Buch drei Ritterinnen geworden. Denn nix ist fix. Außer dass sie nicht einmal den Keller-Wastl fürchten. Und dass die Wiener  Grafikerin Verena Hochleitner zu einer Erzählerin geworden ist, zu der man sich gern setzt.

Verena Hochleitner:
„Die 3 Ritterinnen“
Tyrolia Verlag.
157 Seiten.
16,95 Euro
KURIER-Wertung: ****

 

Auf der Flucht, aber nie besiegt

Großmutter hat, als sie 90 war, ihr Leben erzählt. Deshalb lebt sie ewig – für ihre Enkelkinder, die  daraus dieses Buch machten, sowieso. Oral History. Alle haben etwas davon. Ella Schapira, vertrieben aus Russland ins österreichische Galizien,  vertrieben im 1. Weltkrieg nach Wien, vertrieben im 2. Weltkrieg  nach England.  Trotzdem unbesiegt, trotzdem Königin.

Helen Liesl Krag und
Peter Menasse
:
„Ella Schapira (1897–1990)
Böhlau Verlag.
207 Seiten.  29 Euro
KURIER-Wertung: ****

 

Dank Musik nicht verrückt

Sibirien ist Eis und Gulag und mancherorts überhaupt das Ende von allem. Aber es gibt Musik. Es gäbe Grund, verrückt zu werden, gäbe es keine Musik (=Tschaikowsky). Sibirien ist reich an Klavieren, an alten, ausrangierten, berühmten, behutsam mit Buttertöpfen im Inneren  spielbar gehalten.  Immer stecken schreckliche Geschichten dahinter. Journalismus und Poesie.

Sophy Roberts:  
„Sibiriens vergessene Klaviere“
Übersetzt von Brigitte Hilzensauer.
Zsolnay Verlag.
400 Seiten. 26,80 Euro

 

Quarantäne mit Geisterbahnfahrt

Der erste österreichische Pandemie-Kriminalroman: Zwei Journalisten, ein Wirt, eine Virologin ... sie picken zusammen, sind gemeinsam in Quarantäne. Trotzdem gibt es eine Autoverfolgung und eine Fahrt in der Geisterbahn im Prater. Zum Impfstoff-Thriller entwickelt sich  der zweite Serien-Teil der Wienerin Jelenko (nach „Volkszählung“). Es wird sehr viel geredet.

Maria Jelenko:
 „Quarantäne“
 Echomedia Verlag.
240 Seiten.
19,80 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Die ersten Spaghetti waren Makkaroni

Die Chinesen haben nichts mit diesen Nudeln zu tun. Es waren die Sizilianer, die mit der Spaghettiproduktion anfingen. Auch die Verbindung mit Tomaten ist sizilianisch. Die ersten Spaghetti waren übrigens Makkaroni, also mit Loch, und wurden bis ins 17. Jahrhundert ein, zwei Stunden lang gekocht. Nix al dente. Suppig. Was für eine kulinarische Nudel-Geschichte!

Massimo Montanari:
  „Spaghetti al dente“
Übersetzt von Victoria Lorini.
Wagenbach Verlag.
144 Seiten. 19,60 Euro
KURIER-Wertung: ****

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