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Literatur
01/20/2021

... und wieder 18 Bücher, ganz kurz

Diesmal mit den Musketieren, mit einer großen Südtirolerin, Sibirien, Montreal, Eichgraben und der Lust auf eine verfaulte Wurst

von Peter Pisa

Vollständig und unsterblich

Klassiker. Keine gekürzte Fassung, keine geschönte für Jugendliche. Sondern das vollständige  Abenteuer aus 1844 mit d’Artagnan und seinen neuen Freunden Athos, Porthos und Aramis. Alle gegen Richelieu und Lady Winter. Dumas behauptete, 300 Bücher geschrieben zu haben. 1.) Glaubt ihm keiner, und 2.) Unsterblich sind nur die Musketiere (und, na gut, sein Graf von Monte Christo).

Das Foto oben ist aus der Verfilmung des britischen Regisseurs Paul W. S. Anderson aus  2011

Alexandre Dumas: „Die drei Musketiere“
Übersetzt von A. Zoller, überarbeitet von Michaela Meßner. dtv Verlag.
752 Seiten. 14,30  Euro
KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

 

Seine Reue war gut gespielt

Zeitgeschichte. In der Grabrede hieß es: Er sei vom Schicksal hin- und hergeworfen worden, „ein leidgeprüfter Mensch“. Dabei ist unverständlich, dass Baldur von Schirach in Nürnberg zu nur 20 Jahren verurteilt wurde. Er war Hitlers Kronprinz, verführte die Jugend, brüstete sich, Wien „judenfrei“ zu machen. Rathkolbs aufwendiges Porträt eines NS-Terroristen, der Reue gut vorspielte.

Oliver Rathkolb:
 „Schirach“
 Molden Verlag.
352 Seiten.
32 Euro
KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

 

Staunen über Trugschlüsse

Fakten. E-Scooter zum Ausleihen sind umweltfreundlich. Sind sie nicht? Nein, allein schon wegen der Produktion und des Verteilens bzw. Einsammeln der Roller ... Der Mensch neigt zu Trugschlüssen. Hier werden Fragen gestellt – es folgt das Aha-Erlebnis. Die servierten Fakten konzentrieren sich (zu) sehr auf Deutschland, aber alle lernen, keiner Informationsquelle blind zu vertrauen.

Ole Häntzschel und Tobias Moorstedt:
 „What the fact!?“
 Hoffmann und Campe Verlag.
208  Seiten. 26,80 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Der Avatar von Kim Jong-un

Computerspiel. Der New Yorker Matt Ruff ist seit „Fool on the Hill“ (1988) als Entertainer bekannt, immer für Überraschungen gut. In „88 Namen“  taucht er tief in ein Computerspiel. Ein 22-Jähriger verdient Geld, indem er Anfänger als Avatar begleitet, ihnen beibringt, wie sie zu kämpfen haben ... was, wenn sich sein Auftraggeber „Mr. Jones“ als nordkoreanischer Diktator Kim Jong-un entpuppt?

Matt Ruff: „88 Namen“
Übersetzt von Alexandra Jordan.
Verlag Fischer Tor.
336 Seiten. 17,90 Euro
KURIER-Wertung: ****

 

Spannend wie einst bei Grisham

Gericht. Ein Gerichtsthriller – nicht von Grisham, aber so spannend wie in Grishams besten Büchern.  Ausgetüftelt vom britischen Ehepaar, das sich den Namen Nicci French gegeben hat. Eine Außenseiterin im Dorf wird angeklagt – falsch, aber irgendwie logisch: Auf ihrem Grund liegt ihr früherer Lehrer mit durchgeschnittener Kehle. Vor vielen Jahren hatte er sie vergewaltigt ...

Nicci French:
 „Eine bittere Wahrheit“
 Übersetzt von Birgit Moosmüller.
C. Bertelsmann Verlag.
512 Seiten. 16,50  Euro
KURIER-Wertung: ****

 

"Unhinterfragbar" überzeugt

Jesus. Die Nacht vor seiner Kreuzigung. Jesus zweifelt. Damit hatte er nicht gerechnet. Amélie Nothomb war mit dieser anderen Leidensgeschichte im Rennen um den Prix Goncourt. Philosophisch spannend. Aber manchmal fragt man sich, wie Jesus Jünger anzog, wenn er so sprach:„Ich bin der unhinterfragbaren Überzeugung, der bestverkörperte Mensch zu sein.“

Amélie Nothomb:
 „Die Passion“
Übersetzt von Brigitte Grosse.
Diogenes Verlag.
144 Seiten. 20,90 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Die Mittelstation ist nicht zu verachten

Erinnerungen 1. Elfriede Bruckmeier konnte nicht früh aufbrechen – den Männern ihrer Familie musste sie den Rücken freihalten. Sie wurde gewarnt: „Brechen Sie spät auf, erreichen Sie den Gipfel nicht!“ Sie begnügte sich mit der Mittelstation. Mit kurzen Erinnerungen berührt die 80-Jährige Wesentliches – und Leser. Ihr Kulturverein beim Bahnhof von Eichgraben lädt in einen Jugendstilsaal, und dort findet man auch Arbeiten des Malers Lothar Bruckmeier, ihres 2016 verstorbenen Ehemanns. 

Elfriede Bruckmeier:
 „Kostproben“
Literaturedition Niederösterreich.
125 Seiten.
18 Euro
KURIER-Wertung: ****

 

Sie wollte nicht 2,17 m groß sein

Riesin. Wenn die Leser Trauer tragen, hat Sophie Reyer wieder etwas geschrieben, sich wie immer zurücknehmend, und das macht’s aus. Diesmal über die Südtirolerin Maria Fassnauer, die 2,17 m groß war und  viel aß, sodass ihre Bergbauern-Eltern sie wegschicken mussten. Sie tingelte als Attraktion bis nach England und wollte doch nur beten, singen. (Sie hat nicht lange gelebt.)

Sophie Reyer:
 „Mariedl“
 Edition Raetia.
224 Seiten.
19,80 Euro
KURIER-Wertung: ****

 

Wenn es keine Empathie mehr gibt

Erzählung. Wilfried sammelt Pokale. Auf einem steht: „Dem besten Papa der Welt.“ Das freut Wilfried. Er hat keine Kinder ... Friedrich Hahn verblüfft mit seiner Originalität jedes Mal aufs Neue. Er erzählt die Geschichte einer Geschichte, die unerzählt bleibt, weil niemand da ist, um sie zu hören. Manchmal quatscht  ja auch jemand dazwischen, wenn man dann doch etwas erzählen will.

Friedrich Hahn:
„Erzähl mir nichts“
Edition Roesner.
240 Seiten.
18,90 Euro
KURIER-Wertung: ****

 

Künstlerleben mit Foto und Acryl

Rückblick. Wahrscheinlich wäre Gerhard Sokol, der 30 Jahre  als Fotograf für den KURIER im Einsatz war, zu rastlos gewesen, um sich in seinem Archiv auf die Suche nach dem bisherigen Künstlerleben zu begeben. Corona sorgte für Ruhe – und der einzigartige Weg wurde sichtbar: Von aktuellen Fotos über Nassplattenfotografie zu moderner Malerei mit Acryl und Wachs. Beeindruckend.

Gerhard Sokol:   „Wahres Banales Geniales & Rares“  ISBN 978-3-200-07023-3 Im Buchhandel oder  über  www.bilderges.at   34 Euro
Keine Wertung bei (ehemaligen) KURIER-Mitarbeitern

 

Nur jede(r) Zehnte hat überlebt

Burgenland. Die  Behörden haben wenig unternommen, um zu ermitteln, ob diese Österreicher noch leben bzw. ob es Erben gibt. Oft nahm sich der Staat  ihre Grundstücke. Von 8000 Roma und Sinti aus 120 burgenländischen Siedlungen  überlebten nur 800 das KZ. Dieses Buch der beiden Historiker mit  den 400 Dokumenten kann freilich keine Entschädigung sein. Aber dringend notwendig ist es.

Gerhard Baumgartner und
Herbert Brettl:

  „Einfach weg!“
New Academia Publishing.
414 Seiten. 37,90 Euro
KURIER-Wertung: ****und ein halber Stern

 

Profit auf Kosten der Hungernden

Wien. Autor Simon Müllauer ist 23. Er weiß viel über das Wien nach dem Ersten Weltkrieg, als die Stadt hungerte, fror und ein Schwarzmarktkönig auf Kosten der Einwohner fetten Profit machte. Ein desillusionierter Soldat wird ihm die Lebensmittel stehlen und an die Armen verteilen. Eine gute Idee. Ein bissl Wienerisch beim Reden wäre aber auch nicht schlecht gewesen.

Simon Müllauer:  „Wiener Wind“
 Verlag federfrei.
175 Seiten.
12,90 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Ein Hochstapler, der pokuliert

Fürst Lahovary. Zwei Bestseller des Jahres 1905 in einem Band: Die Memoiren von Fürst Lahovary, der kein Fürst war, nur Georges Manolescu. Ein rumänischer Dieb und Hochstapler, weltweit unterwegs, weltberühmt (= Felix Krull von Thomas Mann). Liest sich schnell und mit Kopfschütteln.  Die Sprache ist, mit Verlaub, billig – bis auf ein Wort: Er „pokuliert“ Champagner. Er zecht.

Georges Manolescu:
 „Mein abenteuerliches Leben als Hochstapler“ Übersetzt von Paul Langenscheidt. Manesse Verlag.

448 Seiten. 24,70 Euro
KURIER-Wertung: ***

 

Kameradschaft gegen Eiseskälte

Sibirien. Flucht aus russischer Kriegsgefangenschaft, 1918: Ein hoffnungsfroher Roman der Oberösterreicherin, in dem sibirische Eiseskälte und Hunger zwar gegenwärtig sind, zu spüren aber ist vor allem Kameradschaft und die Liebe zur Ehefrau im Mostviertel. Persönliche Lieblingsstelle: „Karl ging aufs Klo. Er fühlte sich wie ein Luftballon, voll entfesselter Fröhlichkeit.“

Beatrix Kramlovsky:
 „Fanny oder Das weiße Land“
 Hanserblau im Hanser Verlag.
304 Seiten.
23,90  Euro
KURIER-Wertung: ****

 

Der Gestank wird nachgereicht

Comics. Ralf König hätte dem Büchlein gern  eine faule Scheibe Mortadella beigelegt. Denn darum geht es in seiner „Frankenstein“-Interpretation: Mary Shelley hat ihrem Monster aus Leichenteilen nicht den  Gestank mitgegeben. Der deutsche Comiczeichner holt es nach, er ist diesmal nicht lustig, sondern düster, schaurig,
 schauriger als vor 200 Jahren das Original.

Ralf König (und Mary Shelley):
 „Frankenstein“
 Carlsen Verlag.
63 Seiten.
12,40 Euro
KURIER-Wertung: ****

 

Der Kanadier ist ein Schwede

Montreal. Aus dem Grab kommt die Stimme Lee Harvey Oswalds, der J.F. Kennedy erschoss. Das ist zumindest etwas Neues in dem kanadischen Thriller, dessen Polizeiheld gegen private Dämonen kämpft wie seine schwedischen Krimikollegen. Beginn einer Serie, bei dem man zwischendurch die Übersicht verliert. Was aber spannend ist. Leider wird Folter beschrieben.

Martin Michaud:
„Aus dem Schatten des Vergessens“ Übers. von Annabelle Assaf und Reiner Pfleiderer. Hoffmann und Campe.

640 Seiten. 17,40 Euro
KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Wallfahrt mit Namedropping

Erinnerungen 2. Alois Brandstetter („Zu Lasten der Briefträger“) ist 82. Wenn er auf Lebensreise geht, wird es eine Wallfahrt: In seinen Romanen spielte Religion immer eine Rolle. Jetzt lässt er vor allem Namen fallen,  von Priestern und Königen, von Theologen und Schriftstellern,  Päpsten und ... Armin Assinger kommt  auch vor. Brandstetter pfeift sich nichts, warum sollte er?

Alois Brandstetter:
  „Lebensreise“
 Residenz Verlag.
224  Seiten.
26 Euro
KURIER-Wertung: ***

 

Jetzt verschwindet der Zauber

Fantasy. Das ist das achte Buch der Serie vom jungen Londoner Polizisten Peter Grant, der zaubern kann, und die Abenteuer hatten Witz, Hirn und  tolle Szenarien . Aber jetzt ist er nicht mehr „Bobby“, er ist für die Sicherheit in einer geheimnisvollen Computerfirma zuständig. Autor Aaronovitch hat den wunderbaren Weg verlassen, man kommt sich jetzt ziemlich im Stich gelassen vor.

Ben Aaronovitch:
 „Ein weißer Schwan in der
Tabernacle Street“ Übersetzt von
 Christine Blum. dtv Verlag.
432 Seiten. 15,50 Euro
KURIER-Wertung: ***

 

 

 

 

 

 

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