© Augustin Ferrer Casas / Carlsen Verlag

Literatur
01/28/2020

... und wieder 17 Bücher, kurz vorgestellt

Von verschwundenen Kinos, der zersplitterten Erde, von Schriftstellerporträts, dem letzten Fisch und der Moral.

von Peter Pisa

Beide Gesichter als Comics

Graphic Novel. Da haben wir es wieder: Als Mensch, Mies hieß er, war er kein Guter. Die wichtigste Mitarbeiterin überließ er den NS-Mördern. Als Künstler, Mies van der Rohde nannte sich der Deutsche, war er ein visionärer Architekt. Diese Comics-Biografie vereint die Gesichter und ist als Gespräch mit dem Enkelkind konstruiert.  Der spanische Zeichner Casas war selbst Architekt.

Die Zeichnung oben ist dem Buch entnommen.

Augustin Ferrer Casas:
 „MiesMies van der Rohe
 Übersetzt von André Höchemer. Carlsen Verlag.
176 Seiten. 20,60 Euro. 

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

 

Verschwundenes wird erforscht

Kino. Eine melancholische Mission: Verschwundenes wird erforscht. 100 Kinos gab es im Weinviertel, heute sind es fünf. In Groß-Kadolz ist noch das Plumpsklo erhalten. Der Filmvorführer von Großkrut erinnert sich, wie eine Filmrolle brannte – bei „Berge in Flammen“ (1931). Verschwundenes taucht auf. Das Licht geht aus, es folgt „Die Beichte der Josefine Mutzenbacher“.

Karl Zellhofer und
Martin Zellhofer: „Verschwundene Kinos im Weinviertel“
 Edition Winkler-Hermaden.
120 Seiten. 21,90 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Schrei gegen den moralischen Verfall

Menschenrecht. Jean Ziegler, kein Freund von Bundeskanzler Kurz’ Politik, war im Erstaufnahmelager auf Lesbos, ein einziger Schrecken, und was er dort oft gehört hat, lässt ihn wegen des moralischen Verfalls noch lauter schreien: Stichwort Push-Back. Demnach werden Bootsflüchtlinge von der Küstenwache mit Gewalt gezwungen kehrtzumachen. Oder unterzugehen.

Jean Ziegler:
 „Die Schande Europas
 Übersetzt von Hainer Kober.
Verlag C. Bertelsmann.
144 Seiten, 15,50 Euro.

KURIER-Wertung: ****

 

Der Koch ist eine Strafe

Essen. Toll, dass dem Stuttgarter Restaurantchef und ARD-Fernsehkoch Vincent Klink Wien so gut gefällt – und vor allem das Essen in Wien. Sein Buch ist Riesenwerbung für die namentlich erwähnten  Etablissements Ubl, Wolf, Rudis Beisl usw. (Das Hotel im Palais Coburg hat ihm bei allem Luxus nicht gefallen.) Aber 35 Fotos von Klink im Buch sind echt eine Strafe.

Vincent Klink:
 „Ein Bauch lustwandelt
durch Wien
Ullstein Verlag.
384 Seiten, 24,70 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

 

Philip Roth und Viagra

Porträts. Als Volker Hage Schriftsteller porträtierte – für die FAZ, für die Zeit, für den Spiegel –, hatten nicht nur die Leser einen Gewinn. Regelrecht entzückt war auch manch Porträtierter: Max Frisch, Wolfgang Koeppen ... Hage hat Handkes Wut miterlebt und die große Freude des Philip Roth, denn: Viagra sei eine der größten Revolutionen der menschlichen Geschichte!

Volker Hage:
 „Schriftstellerporträts
 Wallstein Verlag.
324 Seiten.
 22,70 Euro.

KURIER-Wertung: ****

 

Die Liebe erreicht den Sohn nicht

Graphic Novel. Die Liebe läuft jetzt unkontrolliert heraus, sie war für den Sohn bestimmt, aber der ist ... tot zur Welt gekommen. Die deutsche Zeichnerin Tina Brenneisen hat ihr eigenes Trauma in einem Comics zur Ruhe gebettet. Das ist nicht nur grafisch, sondern auch sprachlich gewaltig; und in Kombination ist das Herauskämpfen aus der Ohnmacht erfahrbar.

Tina Brenneisen:
  „Das Licht, das Schatten leert“
Edition Moderne.
240 Seiten.
29,80 Euro.

KURIER-Wertung: ****

 

Kisten kosten extra

Wiederentdeckung.  Der Berliner Boschwitz war 20, als er den Roman schrieb: sein tiefes  Mitgefühl für die Geprügelten und Explodierenden zwischen den Kriegen, die sich gerade noch einen feuchten Keller zum Schlafen leisten können und mit dem Vermieter streiten, ob sie sich auf Kisten legen dürfen.  1942  war er 27 und tot. Die Wiederentdeckung sollte ein Fest sein.

Ulrich Alexander Boschwitz:
„Menschen neben dem Leben“
Verlag Klett Cotta.
303 Seiten.
20,60 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

 

Gott hat sie schon kennengelernt

Fantasy-Serie.  Im dritten Teil der französischen Serie muss  die anfangs so schüchterne, hoppertatschige Ophelia auf  den Teil Babel der zersplitterten Erde. Dort gehen Zyklopier kopfüber am Plafond. Aber wenn’s nur das wäre! Ophelia sucht ihren Ehemann.   Gott lernte sie schon kennen. Nichts hat sich an Tempo und Ideenpracht geändert. Der Zauber endet im Mai mit Band vier.

Christelle Dabos:
„Die Spiegelkreisende 3 – Das Gedächtnis von Babel“ Übersetzt von Amelie Thoma. Insel Verlag.
520 Seiten. 18,50 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

 

Dartspiel mit Affen

Zukunft. Experten sind mit Prognosen meist so treffsicher wie Affen mit Dartpfeilen ... sagen die Experten. Mike Pearl ist „nur“ US-Journalist, er probiert’s. Das hat Wert, denn  der Mensch kann alles ändern. Durchgespielt wird: Was, wenn es einen Atomkrieg gibt? Wenn der letzte Fisch gegessen ist?  Wenn das Internet zusammenbricht? Und und und.

Mike Pearl:
„Was wirklich passiert, wenn ...“
Übersetzt von Hans Freundl und
Karsten Petersen. Piper Verlag.
368 Seiten. 22,70 Euro.

KURIER-Wertung: ****

 

Der Friedhof als Mülldeponie

Mittelalter. Der Mist auf den Straßen, Schweinekot und menschliche Exkremente, meist gleich aus dem Fenster geschüttet: Man kippte nachher alles auf die Friedhöfe.  Bischöfe setzten schließlich das Verbot durch ... Ein Historiker führt durchs Mittelalter, ein Jahr hält er aus:  hungern, kämpfen, sterben. Das waren einmal „wir“ sozusagen? Man müsste 2020 umarmen.

Tillmann Bendikowski:
„Ein Jahr im Mittelalter“
Verlag C. Bertelsmann.
448 Seiten.
28,80 Euro.

KURIER-Wertung: ****

 

Unter dem Gras und dem Asphalt

Reise. Tiefgründige Reportagen über die Welt unter den Bäumen, unter den Friedhöfen, im  1 km tief gelegenen Labor, in dem die „Dunkle Materie“ erforscht wird, bei einem unterirdischen Gletscher (im Karst bei Triest!), bei Giftmüllfässern ... Der Blick zu den Sternen erfreut. Das „Unterland“ aber macht Angst – zumal, wenn Verborgenes hochkommt.

Robert Macfarlane:
„Im Unterland“
Übersetzt von Andreas Jandl und
Frank Sievers. Penguin Verlag.
560 Seiten. 24,70 Euro.

KURIER-Wertung: ****

 

Ein Pilgerweg ohne Ziel

Berge. Von Paolo Cognetti stammt der Überraschungsbestseller „Acht Berge“ mit dem Vergleich AostatalMailand. Die Gefühlswelt ist ihm wichtig wie die Bergwelt. Im aktuellen Buch zieht es ihn nach Nepal, zum Kristallberg, dessen Gipfel nicht bestiegen werden darf. Gut so, „Gnaskor“ sagen Tibeter zu ihrem Pilgerweg, der kein Ziel hat: von Ort zu Ort wandern.

Paolo Cognetti: „Geben, ohne je den Gipfel zu besteigen“
Übersetzt von Christiane Burkhardt.
Penguin Verlag.
128 Seiten. 15,50 Euro.

KURIER-Wertung: ****

 

Aschenbrödel erobert eine Frau

Märchen. 25 Jahre nach den Brüdern Grimm sammelten die Norweger Asbjørnsen und Moe Märchen, und bei ihnen ist Aschenbrödel ein Bursch, der die Prinzessin erobert, und ein Huhn rettet die Welt.  Wenn Kat Menschik ein Buch illustriert, heißt es immer: Jetzt ist es Kunst. Aber Kafka, Shakespeare und die Märchen waren es schon vorher.  Und Menschik verändert sie.

Peter Christen Asbjørnsen und Jørgen Moe:  „Die Puppe im Grase“
Übersetzt von Friedrich Bresemann.
Illustriert von Kat Menschik. Galiani Verlag. 80 Seiten. 18,50 Euro.

KURIER-Wertung: ****

 

Das Schwänzchen ist wichtiger

Krimi, Band 11. Es bleibt auch nach dem elften Buch mit dem alten Totenbeschauer  im kommunistischen Laos so: Das ist die persönliche Lieblingsserie. 75 ist Dr. Siri mittlerweile, Geister  sind allgegenwärtig, und warum seiner Frau, die wunderbare Nudeln kocht, ein Schwanz gewachsen ist, weiß keiner. Nicht ganz so wichtig: Ein  Mönch muss in Sicherheit gebracht werden.

Colin Cotterill: „Dr. Siri
und der verschwundene Mönch“
Übersetzt von Zjomas Mohr.
Goldmann Verlag.
416 Seiten. 20,60 Euro.

KURIER-Wertung: ****

 

Baugrube für einen Häftling

Erzählungen. Zuletzt hat Jonathan Lethem einen wilden Detektiv erfunden, der ein krankes Opossum in der Schreibtischlade hat. Da wundert es nicht, wenn jetzt ein Mann in einem Café sitzt, und vor ihm wird eine Grube auf der Straße gegraben und ein politischer Gefangener hineingesetzt. Er soll aufpassen ... Die absurde Tragik des Lebens in neun Erzählungen.

Jonathan Lethem:
„Alan, der Glückspilz“
Übersetzt von Johann Christoph Maass. Tropen Verlag.
172 Seiten. 20,60 Euro.

KURIER-Wertung: ****

 

Sonnenstrahlen in Verwandlung

Ein Gedicht. Der New Yorker Weinberger zeigt wieder,
was ein Essay ist/was es sein kann: Er nimmt sich ein 1.200 Jahre altes vierzeiliges Naturgedicht aus China (von Wang Wei) vor  und zeigt, wie es sich in  Übersetzungen verwandelt. Sonnenstrahlen zupfen oder kehren wieder oder werden zurückgeworfen ...  Es werden jetzt nicht alle glauben, aber: Das ist spannend!

Eliot Weinberger: „19 Arten
Wang Wei zu betrachten“
Übersetzt von Beatrice Fassbender.
Berenberg Verlag.
96 Seiten. 18,50 Euro.

KURIER-Wertung: ****

 

Ohne Kluftinger bleibt nicht viel

Thriller. Ihr bayerischer Inspektor Kluftinger war wenigstens lustig – halblustig manchmal. Als Thrillerautoren gehen Klüpfel/Kobr in der meist scheußlichen Menge unter.  Nichts an „Draußen“ ist unverwechselbar. Ein Mädchen, das lange Zeit fern der Zivilisation in einem  Wald lebt (warum?) soll von einem stinkenden Kerl getötet werden (WARUM?).

Volker Klüpfel und Michael Kob:
„Draußen“
Ullstein Verlag.
384 Seiten.
20,60 Euro.

KURIER-Wertung: ***