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Literatur
03/07/2020

Über den Sieg der Armen will Éric Vuillard später schreiben

Neues vom Prix Goncourt-Sieger: „Der Krieg der Armen“ geriet sehr dünn.

von Peter Pisa

Eine revolutionäre Idee:

„Alle Menschen sind gleich.“

Als der englische Theologe John Wyclif um 1380 die Bauern mit derart „Ketzerischem“ zum Aufstand anstachelte, war ihm Hass sicher – vor allem von den Kardinälen. Die Rache fand nach seinem Tod statt: Wyclifs Knochen wurden ausgegraben und zur Strafe verbrannt.

Radikal

150 Jahre später war es der Deutsche Thomas Müntzer, ein kleiner Priester aus Stolberg im heutigen Bundesland Sachsen-Anhalt. Anfangs ein Freund Luthers, ein Bruder im Geiste. Dann immer zorniger, kompromisslos, radikal. Seine Messen waren pure Empörung.

Müntzer wurde 1525, nach dem Bauernaufstand (= Revolution des gemeinen Mannes) mit geschätzten 70.000 Toten, enthauptet.

Alle Menschen sollen gleich sein? Wer wird denn die Worte der Bibel derart ernst nehmen ...

Und auch, weil es 500 Jahre später die Gelbjacken auf Frankreichs Straßen trieb, ist Éric Vuillard (Foto oben) wieder in die Geschichte eingetaucht. Nacherzählung UND Essay, das ist sein Metier.

Mit dem renommierten Prix Goncourt wurde er ausgezeichnet wurde – für „Die Tagesordnung“ über Hitlers Geheimtreffen 1938 mit der Großindustrie.

Über den grausamen Kolonialismus im Kongo hat er geschrieben; und auch über Buffalo Bills Lügen.

Zuletzt über den Sturm auf die Bastille. Klaus Maria Brandauer hat kürzlich aus „14. Juli“ im Burgtheater vorgelesen.

„Für mich ist wichtig“, hat Vuillard im KURIER-Interview gesagt, „dass es neben aktuellen Bezügen eine tiefer gehende Realität hat: Dass die Ungleichheiten in der Gesellschaft wachsen. Dass ein immer größerer Teil der Bevölkerung vom Wohlstand ausgeschlossen ist.“

Sympathie

Deshalb jetzt Thomas Müntzer, der dem Unrecht mit Gewalt ein Ende setzen wollte. („Gott geht euch voran, folget, folget!“)

Darf man mit Gewalt? fragt das kurze Buch. (Der Autor hält sich immer mit der Länge zurück, damit niemand abgeschreckt wird. Zu Dünnes schreckt allerdings genauso ab.)

Vuillards Sympathie gehört Revolutionären, die Dekrete, Gesetze, Protokolle aus Palästen werfen. „Der Krieg der Armen“ endet demnach nicht mit der Niederlage der Armen, sondern mit den Worten: „... wünschenswert ist nur der Sieg. Ich werde von ihm erzählen.“

Wenn er poetisch wird, gehen Schweiß und Tod verloren, denen man sonst beim Lesen ausgesetzt ist. Bei Buffalo Bill war das der Fall, als Vuillard z.B. dichtete: Das „echte Leben“ zeige sich „in jedem Regentropfen“.

Bei Müntzer sind es Frösche, die „eine unaussprechliche Wahrheit“ quaken.

Lasst doch endlich die Frösche in Ruhe!

 

Éric Vuillard: „Der Krieg der Armen“
Übersetzt von
Nicola Denis.
Matthes & Seitz.
100 Seiten.
18,50 Euro

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

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