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Literatur
04/11/2020

So werden wie die Kühe, nur essen und schlafen

WhatsApp-Nachrichten von Behrouz Boochani aus der "Einwanderungshaft", als Buch erschienen unter dem Titel "Kein Freund außer den Bergen".

von Peter Pisa

Selten überlebt ein Schäferhund den Angriff eines Wolfs. Aber manchmal gelingt es, den Wolf in die Halsschlagader zu beißen.

Danach verändert sich der Hund, er fühlt seine Kraft und die Macht, und zumindest im Iran heißt es: Jetzt ist der Hund so gefährlich geworden, dass man ihn loswerden muss.

Behrouz Boochani (Foto oben) ist Journalist und Dichter. Er mag den Vergleich mit einem Schäferhund. Boochani wurde angegriffen, hat sich erfolgreich gewehrt, und nun ist er sozusagen scharf.

Unbefristet

Die australische Regierung würde bestimmt gern nichts mehr von ihm hören.

Sie war der Wolf.

Sie war auf die Idee verfallen, Menschen auf der Insel Manus Island zu internieren, unbefristet, ohne Verfahren, ohne Hoffnung.

Boochani hat die Welt informiert, was los ist.

Er filmte heimlich mit dem Smartphone und schickte Tausende WhatsApp-Nachichten. Omid Tofighian (ein aus dem Iran stammender Philosophieprofessor der Universität Sydney) hat alles aus dem Persischen ins Englische übersetzt – und jetzt ist das Buch auf Deutsch erschienen: „Kein Freund außer den Bergen“.

Der Titel ist ein persisches Sprichwort, das die Einsamkeit ausdrückt.

Boochani ist kurdischer Iraner. Ein journalistischer Kämpfer für Menschenrechte. 2013 flüchtete er mit anderen auf einem Boot übers Meer: Wer das Festland von Australien erreicht, darf einen Asylantrag stellen.

Nach Manus

Die „Pazifische Lösung“: Die Royal Australian Navy leitete das Boot nach Papua-Neuguinea um. Auf Inseln wie Manus wurden Menschen in „Einwanderungshaft“ genommen.

Boochani war bis zur (erzwungenen) Schließung 2017 dort. Und selbst danach weigerte sich die Regierung, die letzten 500 an Land zu lassen. Neuseeland lud Boochani ein, mittlerweile war er eine öffentliche Person, gefährlich berühmt, er bekam Literaturpreise, auch den australischen Victorian Premier’s Literary Award.

Hunger

„Kein Freund außer den Bergen“ ist eine Mischung aus Bericht und lyrischen Gedanken („Das Leben kommt und geht / Der Tod kommt und geht / Weiter und weiter“; naja).

Literatur, direkt aus dem Gefängnis: Ausführlich erzählt sie von Hunger, ständigem Hunger und Dreck und tropischer Hitze und Missbrauch durch Wächter .

Literatur, die darüber nachdenkt, ob es unter diesen Umständen nicht besser ist, zur Kuh zu werden oder zum Maulesel: Essen. Schlafen. Keine Fragen stellen.

Behrouz Boochani analysiert und deutet, er hat der Staatsmacht getrotzt und dafür gesorgt, dass die Gefangenen reden können und die Welt Bescheid weiß.

Der australische Schriftsteller Richard Flanagan („„Der schmale Pfad durchs Hinterland“) im Vorwort: „Es gibt Verantwortliche, und die sind es, die im Gefängnis sitzen sollten.“

Darüber müsste man noch reden. Wenn wir überlebt haben.

Behrouz
Boochani (mit Omid Tofighian)
: „Kein Freund außer den Bergen“
Übersetzt von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié.
btb. 448 Seiten.
22,70 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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