© Marion Ettlinger

Literatur
01/17/2020

Sigrid Nunez und "Der Freund": Erste Höchstwertung des Jahres

Stimmt die Musik im Roman, genügt eine gefleckte Dogge, um Begeisterung auszulösen.

von Peter Pisa

Dass Sigrid Nunez (Bild oben) 2018 den National Book Award gewonnen hat, jenen amerikanischen Literaturpreis, mit dem auch Faulkner, Updike, Philip Roth ... ausgezeichnet worden waren, kam überraschend.

Nunez war auch vielen unbekannt, die sich für Literatur sehr interessieren. Die heute 68-jährige New Yorkerin – deutsche Mutter, der Vater Chinese aus Panama – reifte von Roman zu Roman eher im Stillen und brauchte dann für „Der Freund“ nicht viel. Nur einen Selbstmord.

Und einen Hund.

Wer den richtigen Ton, wer die richtige Musik gefunden hat, der kann über alles schreiben.

Zittern

Zum Selbstmord eines Schriftstellers und dem Hund des Toten: Eine Freundin des Mannes, selbst Schriftstellerin, ist die Erzählerin.

Man darf annehmen: Er hielt das Alt- und Hässlichwerden nicht aus. Sein Liebesleben war intensiv. Zuletzt merkte er, dass Frauen in seiner Gegenwart ein Gesicht machen, als hätten sie eine Küchenschabe im Waschbecken entdeckt.

Sein Hund trauert mehr als die Witwe. Die Witwe will den Hund nicht, die Erzählerin nimmt ihn in ihre kleine Wohnung. Der Hund ist eine gefleckte Dogge. Ein sanfter Riese. Er ist der Freund im Titel. Er braucht Hilfe. Anfangs heult er. Und zittert, den Schwanz zwischen den Beinen eingeklemmt.

Rilke beruhigt den Hund. Vorlesen beruhigt ihn. Er bringt seiner neuen „Besitzerin“ ein Buch von Knausgard vom Tisch. Sie liest laut, er schläft logischerweise ein.

Oder Dackel

Im Kern ist „Der Freund“ eine bewegende, kluge Geschichte über die Beziehung Mensch – Hund. Drumherum ist Sigrid Nunez essayistisch zum Thema Liebe und Verlust unterwegs, und sie scheut sich nicht, viele andere Kluge zu zitieren, Ginzburg, W.H. Auden, Wittgenstein ...

Drumherum ist es ein Roman übers Schreiben, Lesen, Erzählen, und es könnte durchaus sein, dass der Selbstmörder „in Wahrheit“ noch lebt und dass sein Hund keine Dogge ist, sondern ein Dackel. So funktioniert Literatur. Weltliteratur. Außerdem könnte es sein, dass schon jetzt eines der besten Bücher des Jahres gefunden wurde.

 

 


Sigrid Nunez:
„Der Freund“
Übersetzt von Anette Grube.
Aufbau Verlag.
235 Seiten.
20,60 Euro.

KURIER-Wertung: *****