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Literatur
05/23/2020

Richard Russo schaut den Zahnrädern zu, wie sie am Schicksal drehen

„Jenseits der Erwartungen“: Eine Männerfreundschaft und das Gespenst einer verschwundenen Frau

von Peter Pisa

Mit 50, ungefähr mit 50, fragt man sich:

Was zum Kuckuck mach’ ich hier? Wie konnte es mit mir so weit kommen? Wieso bin ich, wer ich bin? Glück. Pech.

Oder: Das Elternhaus hat mich gemacht. (Dazu passt der Dichter Philip Larkin: Verbockt bist du von Mom und Pa. Vielleicht nicht absichtlich, doch es passiert .)

Also Glück.

Pech.

Lotterie

Die Chancen standen anfangs gar nicht schlecht, dass sich die Welt um ihre Wünsche kümmert: Lincoln und Teddy und Mickey saßen im selben Boot. Der brillante amerikanische Erzähler Richard Russo folgt den Figuren, liebend und lebensklug.

Als 19-Jährige gehen Lincoln, Teddy und Mickey aufs College in Connecticut, sie sind Freunde und in dasselbe Mädchen verliebt. Jacy ist mehr Hippie, als es die braven Buben sind.

Gemeinsam sitzen sie in der Nacht zum 1. September 1969 vor dem Fernsehapparat: Damals fand die schreckliche Lotterie statt. 366 Geburtstage wurden gezogen (inkl. 29. Februar), und wer früh dran kam, kam schnell nach Vietnam.

Oder flüchtete nach Kanada.

Mickey hatte Nummer 9.

Bevor jeder ins eigene Boot musste, gab es noch ein Abschiedswochenende auf Martha’s Vineyard, der noblen Insel im Nordatlantik. Barack Obamas Familie machte dort jahrelang Urlaub.

Lincolns Eltern gehörte ein Haus mit Meerblick. Jacy war als Vierte dabei. Verlobt war sie aber mit jemand anderem.

Danach verschwand sie. Und nie mehr tauchte Jacy auf, auch nicht als Leiche.

Spuk

Jahrzehnte später treffen einander die Freunde wieder auf der Insel, 66 Jahre sind sie inzwischen alt.

Lincoln hat es sozusagen als Einziger auf die Butterseite gebracht, er handelt mit Immobilien und ist mit einer Anwältin verheiratet. Teddy leitet einen sehr kleinen Verlag (und ist krank), Mickey ist ein alt gewordener Rock ’n’ Roller.

In ihren Köpfen spukt immer noch Jacy; und die Frage, was mit ihr damals geschehen ist.

So ist „Jenseits der Erwartungen“ auch ein bisschen ein Thriller geworden.

Falls man sowas braucht, falls die Porträts der drei Freunde samt Herkunft und Familie nicht genügen.

Falls das Porträt der Männer schlechthin mit ihrer Unfähigkeit, ihre Gefühle auszudrücken, nicht reicht als Anreiz zum Lesen.

Vor allem aber ist dieses Buch – der siebente Roman des 70-jährigen Russo, langsam, ganz langsam wird sein Name auch in Österreich zum Begriff ... vor allem sieht man im Buch das Ineinandergreifen der vielen Zahnräder, und das sich drehende Leben nennt man dann: Schicksal.

Über jeder Seite schwebt eine Wolke Melancholie. Denn, so Russo:

Das Leben ist vorbei, bevor man es erfassen kann.

Eigentlich ein Beschiss.

 

Richard Russo:
„Jenseits der Erwartungen“
Übersetzt von
Monika Köpfer.
DuMont Verlag.
432 Seiten.
22,70 Euro

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern