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Literatur
11/16/2019

Professor Stoner war viel sympathischer als sein Autor

Die Biografie von John Williams - jenem Amerikaner, dessen Romane mit Verspätung geliebt werden.

von Peter Pisa

Der Mann, der den perfekten Roman schrieb, ist der Amerikaner John Williams (Foto oben), und der perfekte Roman ist „Stoner“.

Da gibt es einen Lehrer, und der stirbt dann an Krebs.

Man wird sich nicht um einen Roman mit dieser Inhaltsangabe raufen wollen.

Danach wird man aber, wie der Professor, am Fenster stehen und zurückschauen: Da war nichts.

Und nach vorne schauen: Da kommt nichts mehr.

Bloody Mary

Erfolglos hatte Stoner, ein Bauernsohn, seine Leidenschaft (nicht allein für die Literatur) weitergeben wollen – an seine Frau, an seine Tochter, seine Studenten.

Der langsame Tod eines großen Herzens wurde erst 2013, das war 48 Jahre nach Erstveröffentlichung, zum Bestseller – vor allem in Europa.

John Williams war schon 19 Jahre tot.

Links am Sauerstoffschlauch ziehend, rechts an der Zigarette – so war es zu Ende gegangen mit dem Kettenraucher (und Alkoholiker: als er in Mexiko urlaubte, kaufte er auf den Märkten der Umgebung alle Tomaten auf, für Bloody Marys in der Früh)).

In den USA war „Stoner“ als „zu deprimierend“ abgekanzelt worden.

So wie Williams’ zweiter herausragender Roman von der New York Times 1999 als Geschichte, die sich „wie eine Schnecke durch einen Teich voll Sirup bewegt“ regelrecht getötet worden war: „Butcher’s Crossing“ erzählt von der Büffeljagd im Westen = von der Ausbeutung Amerikas.

Kein Installateur

Williams war allerdings um nichts besser / g’scheiter – als Univ.-Prof in Denver plädierte er für die Isolierung gegen die „fadenscheinigen Werte“ der Bücher von Grasss, Vonnegut, Norman Mailer , Susan Sontag ...

Charles J. Shields Biografie „Der Mann, der den perfekten Roman schrieb“ ist, dank vieler Gespräche mit Williams’ vierter Ehefrau, sehr gelungen. Nein, dieser Mann wäre nicht auch Installateur geworden, wenn’s so hätte sein müssen. (Hat er aber oft betont.) Er lebte nur fürs Schreiben.

Mitzuerleben ist, wie Williams vom gern gesehenen Partygast zum arroganten, autoritären, antisemitische Witze brabbelnden Unsympathler wurde.

Der Wandel vollzog sich endgültig, als er mit „Augustus“, seinem dritten großen Roman, 1973 den National Book Award gewann.

Ein anderer Lehrer und früherer Freund, Sy Epstein, sagte es laut: „Wie kann ein solcher H** so ein großer Schriftsteller sein?“

Eine Frage, die sich auch heutzutage mitunter stellt, etwa bei Treffen auf diversen Buchmessen.

 

Charles
J. Shields: „Der Mann, der den perfekten Roman schrieb“
Übersetzt von Jochen Stremmel.
dtv.  384 Seiten.
26,80 Euro.

KURIER-Wertung: ****

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