© Enver Hirsch

Kultur Buch
09/01/2021

Politiker interviewen, „das ist wie Steine melken“

Die Kunst des Interviews: Der Journalist Sven Michaelsen, seit 35 Jahren im Gespräch, über Robert DeNiro und Sebastian Kurz

von Peter Pisa

Der Hamburger Journalist Sven Michaelsen ist einer der besten Interviewer; seit 2007 für die Süddeutsche.

Was er mit seinen Fragen seit 35 Jahren aus (un)möglichen Idolen herausholt, ist eine Freude – womit nicht gemeint ist, was Schauspieler Helmut Berger getan hat: Der holte während des Gesprächs seinen Penis aus der Hose..

Michaelsen vergleicht sich mit einem Trampolin, das die Stars für ihre Luftsprünge brauchen.

Er hält sich bei der Arbeit an den Grundsatz, den Robert Mitchum gern genuschelt hat: „If you want my interest, interest me!“

Heute ist – wieder – ein Buch von ihm erschienenen, das dunkle Wolken vertreibt. Der Untertitel lautet: „Wenn berühmte Künstler hassen, lieben und lästern.“ Somit wird der Buchtitel klar: „Sie sind wohl übers Ufer getreten, Sie Rinnsal!“

Eine Schimpfkreation des Dramatikers Botho Strauß.

Das Buch ist wunderbare Wiederverwertung alter Interviews. Als Gesprächspartner treten u.a. auf: Steven Spielberg, Woody Allen, Kirk Douglas, Thielemann, Handke, Neuenfels .... und man delektiert sich – so sind wir – daran: Tony Curtis trug peinlich enge Unterhosen, die Monroe roch nach Bett, selbst wenn sie Chanel auftrug, die Callas war eine Nervensäge, Bogart legte auf Körperpflege wenig Wert usw.

Aber es geht auch um Hochgeistige. Nehmen wir Thomas Mann – seine Frau Katia nannte ihn „Monstrum“.

Und Adorno?

Nein danke, seine Wohnung war voller Häkeldeckchen.

KURIER: Ist es ein Unterschied, ob man einen Künstler oder einen Politiker interviewt? Sven Michaelsen: Künstler, die diesen Namen verdienen, sind manische Wahrheitssucher. Bei ihnen reicht es, wenn der Interviewer die Rolle einer Hebamme übernimmt. Politiker zu interviewen, ist dagegen wie Steine melken zu wollen. Sie sind nicht an Wahrheiten interessiert, sondern an Opportunität und Popularität.

Das niederschmetterndste Erlebnis Ihres Berufslebens?

… war ein Interview mit dem deutschen Ex-Kanzler Gerhard Schröder. Er hält Journalisten für schleimiges Ungeziefer und lässt sie in jeder Sekunde seine abgrundtiefe Verachtung spüren. Zu glauben, man könne von machtdeformierten Menschen wie ihm durch sogenanntes kritisches Nachhaken beikommen, ist eine Seifenblase, die binnen Minuten zerplatzt. Das Credo dieser Menschen lautet: Warum die Wahrheit sagen, wenn es etwas gibt, das mir mehr Wählerstimmen einbringt?

Wie gefallen Ihnen die Interviews zur Bundestagswahl am 26. September?

Der Erkenntniswert von Politik-Interviews im Fernsehen beschränkt in der Regel auf das Visuelle: Wann zeigt die Person Anzeichen von Nervosität oder mühsam unterdrückter Wut, von Triumphalismus oder Narzissmus? Im deutschen Fernsehen sind Interviewerinnen wie Marietta Slomka ihren männlichen Konkurrenten deutlich überlegen.

Warum?

Das mag daran liegen, dass herrschaftsgewohnte Politiker bei Frauen ängstlich darauf bedacht sind, sich bloß nicht bei einer patriarchalischen Herrschaftsgeste ertappen zu lassen.

Wie erleben Sie Kanzler Sebastian Kurz im TV?

Für Deutsche sind Fernsehinterviews mit Sebastian Kurz eine Mischung aus Operette und gehobenem Burgtheater. Man ist so fasziniert von Physiognomie ... diese Kafka-Ohren! .. und salbungsvollem Tonfall, dass man sich immer wieder zwingen muss, auch auf das zu achten, was der Mann sagt.

xxx

Gescheitert ist Sven Michaelsen an Robert DeNiro. Was immer er fragte – DeNiro dachte lange nach und antwortete: „Good question. Next question.“ Michaelsen brach das „Interview“ ab.

Sven
Michaelsen:

„Sie sind wohl übers Ufer
getreten, Sie Rinnsal!“
Piper Verlag.
224 Seiten.
18,95 Euro

KURIER-Wertung: ****

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