© Paul Feuersaenger

Literatur
03/06/2020

Oliver Twist bekommt Kokain in die Nase

Cornelia Travnicek erzählt im neuen Roman "Feenstaub" von einer erzwungene Familie.

von Peter Pisa

Das ist kein Märchen. Man wünscht sich, es wäre eines. Den Feenstaub, der schon im Titel vorkommt, gibt es nicht, wenn Feen gemolken werden. Mit Feenstaub ist Kokain gemeint.

Die jungen Männer im Buch schnupfen, um besser zu ertragen, was sie zu tun haben.

Erfährt man, was genau sie machen müssen, stellt man sich Oliver Twist vor, wie er Drogen nimmt, bevor er im Rausch zur Arbeit als Taschendieb auf die Straßen Londons geschickt wird.

Fortgeschickt

Cornelia Travnicek (Foto oben) lotet seit „Chucks“ – 2015 verfilmt – den Begriff „Familie“ aus: Nachdem sie Vorurteile gegenüber Punks abgebaut hatte (sie lesen Ingeborg Bachmann und studieren Physik), beobachtete sie einen Mann, der als Baby zur Adoption freigegeben wurde und nun wissen will, ob ihn die leibliche Mutter liebt (=„Junge Hunde“).

Diesmal zeigt die St. Pöltnerin eine erzwungene Gemeinschaft. Es sind Kinder / junge Männer aus dem Osten und aus Afrika. Verwandte haben sie fortgeschickt, damit sie Geld verdienen.

Zum Beispiel Petru: Seine Großmutter ist sehr krank, sie braucht Medizin. Deshalb lässt er sich alles gefallen (vorerst).

Unsichtbar

Bei Charles Dickens hieß der Anführer der Taschendiebe Fagin. Bei Travnicek heißt er Krakadzil. Er schickt Petru und Cheta und Magare stehlen. Er gibt vor, Geld in die Heimat zu schicken. Dass Petrus Großmutter längst tot ist, sagt er nicht.

Irgendwo an der Donau leben sie in einem Baumhaus. Es heißt: Sie leben unsichtbar auf einer Insel. Es muss ja keine wirkliche Insel sein. Sie bilden selbst eine Insel. Und sichtbar werden sie erst in Wien, wenn sie im Zweierteam auftreten.

Cornelia Travnicek erzählt in kleinen Happen. Das erhöht die Aufmerksamkeit. Da ist Luft, das sind Zwischenräume, die – wenn sie gut gesetzt werden – oft das Beste in der Literatur sind. Dort vibriert die Geschichte.

Petru lernt in der Stadt eine „richtige“ Familie kennen. Der Vater bittet in die Wohnung, die Mutter macht Kakao, die Tochter unterrichtet Petru im Lesen ... und nun wird unberechenbar, was passiert. Auf seiner Insel fragt Petru: „Was mache ich hier?“

 

Cornelia Travnicek:
Feenstaub
Picus Verlag.
280 Seiten.
22 Euro

KURIER-Wertung: ****

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