© Ohlbaum Isolde

Literatur
02/13/2021

Norbert Gstrein: Was ein gründliches Leben ist ...

Im Roman "Der zweite Jakob" wird nach dem Schlimmsten gefragt, das man jemals getan hat?

von Peter Pisa

Norbert Gstrein – er weiß selbst nicht, warum – bildete sich als Arbeitstitel des neuen Romans „Letzte Liebe“ ein und schrieb 350 Seiten, auf denen es um eines nicht gegangen ist: um eine letzte Liebe.

Gegen Ende kam dann doch noch ein Kapitel darüber, eine Liebe mit 30 Jahren Altersunterschied, eine kurze Liebe, ein Bonusstückerl ... aber nun änderte er den Titel, der jetzt nach Gstrein klingt: „Der zweite Jakob“.

Damit beginnt schon sein Spiel: Jakob ist ein bekannter Schauspieler, auch in amerikanischen Filmen spielte der Tiroler mit – drei Mal als Frauenmörder. Drei Mal war er verheiratet.

Und Jakob heißt auch sein alter Onkel, das ist einer, der zum Außenseiter wurde und die Einsamkeit gesucht hat, der sich im Keller versteckte – einer von den „Komischen“, der nie sein Dorf verlassen hat.

Und das ist wahrscheinlich tatsächlich „Einer“ – so heißt Gstreins Anti-Heimatserzählung aus dem Jahr 1988 – sein allererstes Buch. Schon fragt man sich, ob der mittlerweile 80-jährige, der Wein mit Himbeersirup und Würfelzucker trinkt,  trotzdem das Leben besser hingekriegt hat als der Neffe.

Denn „unser“ Jakob kann nicht zufrieden mit sich sein, er verdient das Prädikat „Erster“ nicht.

So ist Norbert Gstrein: Selbst bei drei Wörtern (Der zweite Jakob) kann man nicht aufhören mit dem Grübeln. Wie soll das nach 447 Seiten enden, wenn der Autor in Höchstform ist? Wahrscheinlich kann und soll es nie enden.

Fahrerflucht

„Was ist das Schlimmste, das du jemals getan hast?“, fragt die Tochter.

Jakob, kurz vor dem 60. Geburtstag, verrät es ihr.

Damals drehte er einen schlechten Film in Texas an der Grenze zu Mexiko, und nachts war er mit einer betrunkenen Schauspielerin unterwegs. Sie lenkte. Jakob war Beifahrer. Sie überfuhr in der Wüste eine Frau am Straßenrand. Jakob hat die Tote hinter ein Gebüsch gezogen. Fahrerflucht.

Die Tochter ist entsetzt.

Er ist es ja auch. Noch immer. Und peinlich ist es ihm, dass er sich als Reicher aus dem Norden von einer mexikanischen Fabriksarbeiterin die Hose aufknöpfeln ließ.

Jakob 2 ist kein schlechter Mensch. Aber so viel man über ihn erfährt, man wird es nicht festmachen können: Wer ist er? Auch die Tochter ist – viele.

Oft neigen Leser dazu, aus Ungeduld einige Sätze zu überspringen. Das will man hier nicht. Das geht gar nicht. Der Roman ist zu dicht: George W. Bush tritt auf, die Tochter will sich umbringen, Jakob schlägt seinem Biografen zwei Zähne aus ... und Amerikaner kommen nach Mexiko, um Frauen zu ermorden.

Was kann, was will große Literatur?

Gstrein: „Sie will daran erinnern, dass Leben etwas ist, das man gründlich machen sollte, bevor es zu spät ist – was in seinem Anspruch bescheidener klingt, als es gemeint ist.“

Gründlich?

„Wenn sich alle daran hielten und dazu noch gründlich über das Wort ,gründlich’ nachdenken würden, wäre es fast schon ein politisches Programm.“


Norbert Gstrein:
„Der
zweite Jakob“
Hanser Verlag.
448 Seiten.
25,70 Euro.
Erscheint am 15.2.2020

KURIER-Wertung: *****

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