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Literatur
07/18/2020

Neues von Lily Brett: Intimität ist immer noch ihre Spezialität

Alte Neurosen, neue Kolumnen: Nach längerer Pause sind Squatty Potty und ihr Friseur Geoffrey lustig

von Peter Pisa

Da war selbst Lily Brett (Foto oben) überrascht, und Intimität ist ja IHRE Spezialität, als sie beim Zahnarzt saß und eine fremde Frau zu ihr sagte, einfach so:

„Eben habe ich einen Squatty Potty gekauft.“

Lily Brett hatte keine Ahnung, was das ist. Sie googelte. Ein Hocker fürs Klo, wenn man die Füße hinauf gibt und sich dadurch in Hockstellung befindet, öffnet sich laut Werbung der Dickdarm, und man entspannt sich ...

Es fehlt

Seit Lily Brett schreibt, ist sie neurotisch und wiederholt sich. (Im Interview bestreitet sie die Neurosen.)

Das konnte nerven.

Immer kommen ihre drei Psychoanalytiker auf zwei Kontinenten vor, selten fehlt ihre russische Fußpflegerin, die Sex nicht mag, meistens verspeist sie ang’fressen gedünstete Brokkoli, während ihr (ebenfalls schlanker) Ehemann, der Maler David Rankin, Ochsenkopfstücke in Tacos schaufelt.

Aber wenn Lily Brett Pause macht, dann fehlt etwas.

Ihr bisher letzter Roman „Lola Bensky“ über die Jugend, als sie für ein Rockmagazin Jimi Hendrix und die Rolling Stones interviewte, ist aus dem Jahr 2012.

Deshalb ist ihr neues, dünnes Kolumnenbuch „Alt sind nur die anderen“ herzlich willkommen.

Erst 73

Lily Brett: in einem deutschen Flüchtlingslager zur Welt gekommen, die Eltern hatten Auschwitz überlebt, die Familie flüchtete nach Australien, die Liebe zu New York wuchs. Dort lebt die Australierin seit den späten 1990ern ... und wird unruhig, wenn am Nebentisch im Café jemand über die Sängerin Cher sagt, sie seit 93.

Cher ist ihr eigentlich recht Wurscht, aber Lily Brett ist genauso alt wie Cher. Nicht 93!

73.

Zumindest in New York ist das kein Alter, dort wird jede Frau mit „Miss“ angesprochen, ob sie nun zehn ist oder 73.

Garantiert tot

Ihre Kolumnen handeln vom grauen Star (sie verwechselte Hydrant mit Hund) und ihrem Begräbnis, bei dem Mohnkuchen der Berliner Bäckerei Thoben serviert werden soll.

Es geht um ihre neue Dusche mit Dreiwegumstellventil („Ich weiß zwar nicht, was das bedeutet, aber es klingt beeindruckend“), um Bob Dylan, Ratten, Hunde, ihren Friseur Geoffrey, Nazis, Kartoffelpressen, Taschenlampen und Nierenarterien.

Eine feine Mischung.

Ihr Witz ist immer gut, trotz 93, haha, und man merkt, Lily Brett freut sich, wenn sie ihre Leser zum Lachen bringen kann. Sie ist Schriftstellerin, da muss doch nicht alles stimmen, gar nichts muss stimmen.

Es ist ein kluger Witz auf ihre Kosten – sollen ruhig alle glauben, sie sei hysterisch auch noch dazu.

Diese Art Witz hat sie von ihrer Mutter geerbt, die in der Früh oft zu ihrer Tochter gesagt hat:

Wenn man morgens aufwacht und alles mit einem in Ordnung ist, dann ist man garantiert tot.

Noch im Wartezimmer beim Zahnarzt hat Lily Brett einen Squatty Potty im Internet bestellt.

 

Lily Brett:
„Alt sind nur die anderen“
Übersetzt von
Melanie Walz.
Suhrkamp Verlag.
81 Seiten.
15,50 Euro

KURIER-Wertung: ****

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