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Literatur
06/26/2021

Mark Twains heitere Kreuzfahrt: "Gott schütze das Heilige Grab"

Die Frage des Tages: Wie merkt der Reisende, ob er seekrank ist?

von Peter Pisa

Es wird peinlich.

Passagiere fragen: „Um wie viel Uhr ist denn das Mitternachtsbuffet?“

Und: „Schläft die Crew auch an Bord?“

1867 war Mark Twain auf dem Dampfer „Quaker City“ nach Europa und ins Heilige Land gereist. Die erste amerikanische Luxuskreuzfahrt.

Er war 32 und noch nicht der Weltstar (Tom Sawyer, Huckleberry Finn), an den man Briefe schicken konnte:

„Mark Twain

Gott weiß wo“

Sie kamen bei ihm in Connecticut an.

Vorher hatte er für mehrere Zeitungen Reportagen geschrieben, frech, frisch, respektlos, immer auch über sich selbst schmunzelnd.

Ungeschönt

Für „Unterwegs mit den Arglosen“ übersetzte der Wiener Alexander Pechmann die rohen, während der fünfeinhalb Monate dauernden Schiffsreise verfassten Originalberichte.

Das ist ein Unterschied zur amerikanischen Buchausgabe von 1869, für die Texte geschönt wurden: Twain beschrieb das Treiben an den Pilgerstätten in Nazareth und Jerusalem ursprünglich als unangenehmes Gschisti-gschasti. Das hat er später entschärft.

An Bord waren fromme Menschen. Ehemalige Offiziere, Neureiche, Geistliche, Farmer, pensionierte Lehrerinnen. Ein Passagier redete ununterbrochen Unsinn und zitierte zur Untermauerung Trinculian und Tlolampton.

Namen, die von ihm erfunden worden waren. Was soll man entgegenhalten?

Souvenirs

Mark Twain fiel seinerzeit wohl ebenso auf wie der Schriftsteller Foster Wallace 150 Jahre später, der die Smokingpflicht umschiffte, indem er ein T-Shirt mit der Aufschrift SMOKING trug.

Twain nahm noch ein paar Drinks, während andere beteten. Er lümmelte bei Tisch, er spielte Karten – aber unangenehm waren diejenigen, die als Souvenir Stücke von Noahs Grab und von den Statuen im Tempel von Baalbek abbrachen. („Gott schütze das Heilige Grab, wenn die Bande in Jerusalem einfällt!“)

Die Mischung ist köstlich. Die Beschreibung der Orte (an denen sich zum Teil nicht viel geändert hat), die Charakterisierung der Bewohner und Passagiere.

Wir fassen zusammen: Europa scherte ihn wenig, und das Heilige Land versprühte trostlosen Trübsinn.

Und auf dem Schiff hat einer gefragt: „Wie merke ich, ob ich seekrank bin?“

Die Antwort gab’s in einem Schwall.


Mark Twain:
„Unterwegs mit
den Arglosen“
Übersetzt und herausgegeben von
Alexander
Pechmann.
Mareverlag.
528 Seiten.
45,20 Euro

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