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Literatur / Theater / Musik
01/08/2021

Lotte Lenya - Viel mehr als James Bonds Gegenspielerin

Ein Roman erinnert an die Wienerin, an Kurt Weill, Brecht und „Die Dreigroschenoper“

von Peter Pisa

Wenn die Hamburger Literaturwissenschaftlerin Eva Neiss gefragt wird, wer Lotte Lenya war, hat sie sich eine Antwort zurechtgelegt, die etwas so geht: „Die war bei James Bond. Liebesgrüße aus Moskau mit Sean Connery. Die böse Russin mit dem vergifteten Springmesser in der Schuhspitze.“

Damit weckt sie Interesse. Mehr Interesse, als wenn sie sagt:

Lotte Lenya war die Stimme von ihrem Ehemann Kurt Weill und von Bert Brecht. Niemand sang Surabaya-Johnny und den Alabama Song (37 Jahre vor den Doors) roher, echter, besser, und niemand, nach der Flucht vor den Nazis nach Amerika, „Lost in the Stars“ zittriger. (Aber die alkoholkranke Judy Garland berührt in ihrer TV-Show 1964 damit ebenfalls. Ganz anders berührt sie.)

Versteckter Krimi

Viel mehr Interesse weckt sie als mit dem Hinweis: Im 14. Bezirk gibt es einen Lotte Lenya-Park, die Schauspielerin und Sängerin wuchs in der Ameisgasse 38 auf, ihr richtiger Name war Blamauer, die Mutter Wäscherin, der Vater Kutscher, Lotte drängt auf die Bühne, zuerst als Seiltänzerin ...

„Lotte Lenyas Leben in Musik“ von Eva Neiss ist ein Unterhaltungsroman, er hat aber auch den Sinn, Aufmerksamkeit zu wecken. Er ist gut gegen das Vergessen. Lotte Lenya wird in Österreich schneller vergessen als an anderen Orten. Autorin Eva Neiss hatte die Unterstützung der Kurt-Weill-Gesellschaft in Dessau, Sachsen-Anhalt. Das Erzählte bewegt sich folglich auf sicherem Boden.

Dass der Marxist Brecht von Lenya erwischt wird, wie er im Umschlag von „Das Kapital“ einen Krimi von Edgar Wallace versteckt, wird wohl der Wahrheit entsprechen. Erst später sprach sich unter seinen Leuten herum, wie sehr er Krimis schätzte. Brecht wollte sogar selber welche schreiben.

Um das Leben in den USA kümmert sich der Roman nicht. Er hat zwei Mittelpunkte: „Die Dreigroschenoper“ – „die Bettler betteln, die Diebe stehlen, die Huren huren.“ Allein die dramatische Entstehungsgeschichte wäre ein dickes Buch wert.

Brecht wollte vermutlich den Skandal, die bürgerlichen Zuschauer sollten als Heuchler enttarnt werden.

Den Schauspielern gab er am 31.8.1928 im Berliner Theater am Schiffbauerdamm Trillerpfeifen, um der tobenden Menge etwas entgegenzusetzen. Niemand tobte.

„Die Dreigroschenoper“ wurde der größte Theatererfolg des 20. Jahrhunderts.

Lotte Lenya spielte die Seeräuber-Jenny, aber ihr Name fehlte im Programmheft. Kurt Weill war darüber zornig, die Sängerin beruhigte ihn: „Ach, wenn sie mich jetzt nicht kennen, werden sie doch morgen wissen, wer ich bin.“

Zweiter Mittelpunkt im Roman ist die Beziehung Lenya – Weill. Wobei, und das ist angenehm, auf die Kosenamen verzichtet wird: Mehr als 100 Briefe sind erhalten geblieben, sie sind voll mit Tütilein und Blumilein.

Zwei Ehen

Weill: „Sie ist eine miserable Hausfrau, aber eine sehr gute Schauspielerin. Sie kann keine Noten lesen, aber wenn sie singt, dann hören die Leute zu wie bei Caruso … Sie kümmert sich nicht um meine Arbeit. Das ist einer ihrer größten Vorzüge. Aber sie wäre böse, wenn ich mich nicht für ihre Arbeit interessieren würde.“

Lotte Lenya: „Ich war 24 Jahre mit ihm verheiratet, und wir lebten zwei Jahre unverheiratet zusammen; insgesamt also 26 Jahre.“

Er starb 1950. (Sie überlebte ihn um 31 Jahre.) Ihr nächster Ehemann war homosexuell, so konnte sie Kurt Weill treu bleiben, gemeinsam konnte man sich – ohne Ablenkung – dessen Erbe widmen.

Lotte Lenya nahm deshalb noch viele Schallplatten mit Weills Liedern auf. Das Musiklabel Bear Family Records hat eine Luxusbox mit elf CDs und 243 Einzeltiteln, (leider) um 175 Euro.

 

Eva Neiss:
„Lotte Lenya und das Lied des Lebens“
Fischer
Taschenbuch.
329 Seiten.
13,40 Euro

KURIER-Wertung: ****

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