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Literatur
04/02/2021

Juli Zeh und der „Dorf-Nazi“, der sein Spielzeug verschenkte

Auf "Unterleuten" folgt "Über Menschen": Die Schriftstellerin irritiert wieder mit der ostdeutschen Provinz

von Peter Pisa

Er bekomme einen Nesselausschlag, hat der Schriftsteller Christoph Ransmayr in einem ORF-Interview gesagt.

Zumindest einen Nesselausschlag, wenn jemand stur bei seiner Meinung bleibt, und sich bei allem, was er predigt, so absolut sicher ist.

Dora geht’s ganz ähnlich.

Dora verlässt deshalb ihren Freund, der ihr immer sagen will, was sie in Corona-Zeiten denken und tun soll.

Die 32-Jährige verlässt Berlin und das Dauerfeuer an Informationen.

Bei der AfD

Und zieht mit ihrer Hündin Jochen-der-Rochen (Dora hat das lustig gefunden) aufs Land, nach Brandenburg. Mit zusammengekratztem Geld hat die Werbetexterin 4.000 Quadratmeter Grund gekauft, Brachland, altes Haus – dort, wo die AFD zweitstärkste Partei ist.

„Unterleuten“ hieß der Bestseller mit 800.000 verkauften Exemplaren, als Juli Zeh 2016 schon einmal in Brandenburg war. Der Roman damals war Bühne für Leute, die das Gefühl haben, etwas bekommen zu MÜSSEN. Sie hätten Anspruch gegenüber der Welt. („Unterleuten“ war deshalb anspruchsvoller.)

Zinnsoldaten

Ihr neuer Heimatroman ist auch ein Corona-Roman. Juli Zeh siedelt ihn ein paar Kilometer entfernt vom fiktiven Ort Unterleuten an, im fiktiven Ort Bracken, 285 Einwohner. Dort stellt sich der Nachbar so vor: „Ich bin der Dorf-Nazi.“ Aha, die anderen sind bloß Rassisten. Trotzdem sind in „Über Menschen“, alle grantiger, hilfsbereiter, menschlicher als in „Unterleuten“.

Da geht nichts mit Schwarz-Weiß, sagt ein Schwuler mit Cannabisfeld. Auch ihn gibt’s hier (während in der Nähe das Horst-Wessel-Lied gesungen wird).

Es soll irritieren: Der „Dorf-Nazi“ bringt Dora am nächsten Tag ein Geschenk, seine zwei Zinnsoldaten, die er in der Kindheit bemalt hat. Was soll man da machen? Die Polizei rufen? Sich bedanken? Wieder auswandern?

Juli Zeh unterhält bestens, auch mittels Karikaturen. Es ist Unterhaltung, die offen sagt: Ein reiches Land leistet sich eine Gegend ohne Ärzte, ohne Schule, ohne Kindergarten, ohne Busstation ... „Hat Deutschland die AfD beim Universum bestellt und bekommen?“

 

Foto oben: Juli Zeh mit dem deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier


Juli Zeh:
„Über Menschen“
Luchterhand
Verlag.
416 Seiten.
22,90 Euro

KURIER-Wertung: ****

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