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Literatur
04/23/2021

Joël Dickers neuer Roman: Hingerissen vom Hinreißenden

Der Schweizer spielt in "Das Geheimnis von Zimmer 622" mit russischen Puppen und kämpft mit Wörtern

von Peter Pisa

Wenn ein Verleger stirbt und wenn ein Schriftsteller, der ihm viel zu verdanken hat (nämlich Bücher), nur über ihn zu sagen weiß:

„Sein Lachen lehrte mich Weisheit. Nichts Menschliches lag ihm fern. Er war ein leuchtender Stern in der Nacht ...“

Muss man dann zu dem Schluss kommen, dass der Verleger den Falschen gefördert hat?

Die Romane von Joël Dicker aus Genf wurden – angefangen von „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ – Hunderttausende Male verkauft.

Sein französischer Verleger und Lehrmeister starb vor zwei Jahren.

Dicker verabschiedet sich von ihm im neuen dicken Buch. Es ist wieder ein Krimi mit einer Liebesgeschichte, angelegt wie eine russische Puppe, damit immer etwas Neues auftaucht. Das macht eine Zeitlang Spaß.

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Diesmal wird es außerdem ein bisschen autobiografisch. (Man soll selbst draufkommen, was wahr ist. Sagt der 35-jährige Autor – als ob man dessen Biografie in- und auswendig kennen muss.)

Dicker spielt mit. Spielt sich selbst. „Das Geheimnis von Zimmer 622“ ist ziemlich von sich eingenommen.

Auch der Joël Dicker im Roman ist demnach ein erfolgreicher Schriftsteller, er trauert um seinen Verleger (leuchtender Stern!), und weil ihm eine „hinreißende“ Frau, mit der er kurz zusammen war, mitteilte, er möge sich aus ihrem Leben entfernen, fährt er in die Berge.

Im Alpen-Grandhotel ist man aus dem Häuschen, weil ER kommt. So berühmt ist dieser Mann. (Nein, das wird leider nicht mit Ironie erzählt.) Scarlett, der Hotelgast nebenan, interessiert sich wie er dafür, warum es Zimmer 621 und 621 a, aber kein Zimmer 622 gibt

Weil vor Jahren im Zimmer 622 ein Mord geschah, nachher wurde es, um die Erinnerung zu verscheuchen, umbenannt.

Dem Mord wird nun nachgegangen, so gelangt man ins Finanzuniversum, denn der Tote war der kommende Präsident der größten Schweizer Privatbank.

Die neue Frau an Dickers Seite, eine reiche Engländerin auf der Flucht vor ihrem Ehemann, ist übrigens nicht „hinreißend“, sondern „schön“. Dafür ist Dicker von ihr „hingerissen“, und das ist schön.


Joël Dicker:
„Das Geheimnis von
Zimmer 622“
Übersetzt von Amelie Thoma und Michaela Messner.
Piper Verlag.
624 Seiten.
25,90 Euro

KURIER-Wertung: ***

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