© Heike Bogenberger

Literatur
01/22/2022

Israel mit Zahnspange und dicker Brille, aber groß und schlank

"Was wäre wenn": Lizzie Doron wird zum Jugendfreund ins Hospiz gerufen und erinnert sich an den falschen Weg

von Peter Pisa

Lizzie Doron bringt in „Was wäre wenn“ ein Bild ihrer Heimat Israel, das gab es so noch nie und geht nicht mehr aus dem Kopf:

Sie war neun, als ihr ein Bub gefiel: „Zwar hatte er eine Zahnspange, schaut durch eine Brille mit dicken Gläsern und sein linkes Auge schielt ein bisschen, aber er ist auch groß gewachsen und schlank und trägt Khaki.

Das verheißende Land Israel in seiner schönsten Form.“ (Zitat Ende)

Und noch ein Bild, dann ist man sicher, dass man diesen Roman haben will:

Lizzie Doron war drei, im Jahr 1956, als sie aus dem Kindergarten in Tel Aviv ausgerissen ist:

„Aber in dem Viertel, in dem ich aufgewachsen bin, geht man nicht verloren. Der Mann aus Sobibor kennt die Frau aus Bergen-Belsen gut, und sie bringt mich zu der Frau aus dem Ghetto Krakau, die mich schließlich zu der richtigen Mutter aus Auschwitz zurückbringt.“ (Zitat Ende)

„Was wäre wenn“ ist eine Liebesgeschichte, noch mehr ist der Roman ein Erwachen. Als Lizzie Doron jung war, war es für sie selbstverständlich, dass Israel immer siegreich ist. Was mit der Armee zu tun hatte, wurde blind verehrt. Sie und ihr Jugendfreund Ben Drov schnitten Fotos von Kriegshelden aus.

Keine Schatten mehr

Und dann, 1973 im Jom-Kippur-Krieg, geriet Ben in syrische Gefangenschaft. Er hatte sein Unterleiberl aufs Gewehr gehängt und kapituliert. So starb das Heldentum, der Stolz wurde begraben, psychologische Betreuung war notwendig, auch wegen der Folterungen.

Lizzie Doron ging von Beerdigung zu Beerdigung, so viele Kameraden warfen nun keine Schatten mehr. Ein Halbwüchsiger ruft: „Ich bin bereit, für unser Land zu sterben!“ Dann lautet jetzt die Antwort: „Dummkopf.“ So wie es einst die Mutter gesagt hat, als es auch Lizzie zum Kämpfen drängte.

Sie und Ben sahen nun die Überdosis Nationalismus und den anderen Weg des Friedens. Sie drifteten trotzdem auseinander, 40 Jahre begegneten sie einander nicht mehr.

An alles erinnert sich die Schriftstellerin, als Ben Drov im Hospiz liegt, nur noch wenige Stunden hat er zu leben, und ausgerechnet sie will er noch einmal sehen ...

Wie wenig Text es braucht, um so viel zu bekommen!


Lizzie Doron:
„Was wäre wenn“
Übersetzt von
Markus Lemke.
dtv.
144 Seiten.
18,95 Euro

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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