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Buchkritik
10/02/2021

Höchstwertung für Jonathan Franzens neuen Roman

"Crossroads" ist der erste Kontakt mit der Pfarrerfamilie Hildebrandt: An den Kreuzungen warten die Teufel

von Peter Pisa

Es heißt, es geschah an einer Kreuzung, als sich der US-Musiker Robert Johnson – (1911 – 1938) für einen Teufelspakt entschieden hat: Er stirbt mit 27 (und danach, ebenfalls 27-jährig, auch seine „Kinder“, also Hendrix, Joplin, Morrison, Cobain).

Dafür kann er ab sofort hervorragend zum Blues Gitarre spielen. Vorher war er gar nicht gut gewesen.

In Jonathan Franzens „Crossroads“ (= Kreuzungen) wird’s keine Teufel geben, denn gleich am Anfang konzentriert sich der neue, dieser Tage weltweit erscheinende Roman auf Pfarrer Hildebrandt, der über eine Predigt nachdenkt.

Ersatz

Wird’s wirklich keine Teufel geben? Sogar viele stehen bei den Hildebrandts in Warteposition!

In Franzens „Die Korrekturen“ war es Familie Lambert, die porträtiert wurde, wild und intim.

Jetzt brodelt es im stellvertretenden Pfarrer des fiktiven Ortes New Prospect bei Chikago, es brodelt in seiner Frau und in den drei älteren der vier Kinder. Die Ältesten – Schwester und Bruder – würden ihren besserwisserischen Vater am liebsten anspucken, der 15-jährige Perry – einer, der nicht geben kann, sondern nur nimmt – dröhnt sich mit Drogen zu, für die Pfarrersfrau ist ihr Mann nur Ersatz, für den Pfarrer ist seine Frau nur Ersatz – mit einer 37-jährigen Witwe aus seiner Gemeinde will er beisammen sein.

So ist die Ausgangsposition, und nicht nur in der christlichen Jugendgruppe, die übrigens „Crossroads“ heißt, stehen Entscheidungen an:

Will man in Sicherheit leben oder etwas riskieren?

Will ich ein liebender Mensch sein oder verstelle ich mich bloß, um Vorteile aus meinen Freundlichkeiten zu ziehen?

Das spielt sich an den Kreuzungen des Lebens auf zunächst 800 Seiten ab.

Es geht um die Hildebrandts im Jahr 1971.

Jonathan Franzen kündigt zwei weitere Teile über die Folgejahre an.

Pelzig

Der Untertitel lautet: „Ein Schlüssel zu allen Mythologien“; was groß klingt, denn er bedeutet wohl, die Trilogie will die Sinnfrage lösen, Gut und Böse erforschen und hinter die Wirklichkeit schauen.

Mit Unerwartetem ist bei Jonathan Franzen hinter jeder Ecke/ auf jeder Seite zu rechnen. Der Amerikaner bricht Familien auf wie fest verschlossene Muscheln. Was ihn immer auszeichnet: Da küsst jemand, dort hasst jemand, hier dreht jemand durch ... das alles ist ja nichts Neues.

Bei ihm aber bekommt das Gewöhnliche nicht nur eine Spannung, sodass es einige Mitwirkende zerreißt – das Lesen selbst ist spannend. Diesmal, fast ein Wunder!, wird einem außerdem manchmal warm ums Herz.

Eine Entscheidung nehmen uns die Hildbrandts nicht ab: Ob Jonathan Franzen auch ein herausragender Autor ist, wenn er sich an eine Sexszene wagt:

Die weibliche Scham bezeichnet er als „pelzigen Berührungspunkt“.

 

Jonathan Franzen:
„Crossroads“
Übersetzt von
Bettina
Arbabanell.
Rowohlt Verlag.
832 Seiten.
28,90 Euro
Erscheint am 5. Oktober 2021

KURIER-Wertung: *****

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