© Jorghi Poll / Edition Atelier

Literatur
09/11/2021

Hanno Millesis neuer Roman: Weintrauben statt Schüsse

"Der Charme der langen Wege" über einen Geräuschemacher, der Vergangenes in die Scheibtruhe legt

von Peter Pisa

Das ist einmal etwas ganz anderes – wobei es auch hier um Verlust und Abschied und um Täuschungen geht, aber sie drängen nicht in den Vordergrund.

„Vorne“ ist:

Jemand macht mit Flip-Flops, die er gegen die Fußsohle klatschen lässt (er lässt sie flappen), Geräusche, die im Film ein Raumschiff begleiten, das durchs All segelt.

Alte Schule. Dieser Geräuschemacher hat zur Krönung seiner Kunst die großen Weintrauben der Sorte Red Globe fest gegen eine Wand geworfen, und der Tontechniker verstärkte und duplizierte, sodass es im Kino zum Maschinengewehrmassaker geworden ist.

Berühmt war Bert. Jetzt ist der Virtuose in Pension. Jetzt ist er wieder nur der kauzige Herr Lambert, der nicht mehr gebraucht wird – Computer ersetzen seine Arbeit. Außerdem hat ihn beim Spaziergang ein Golfball getroffen, das machte ihn schwerhörig.

Z. ist Wien

Was macht Hanno Millesi mit Lambert?

Der Wiener Schriftsteller, früher Assistent des Malers Nitsch (den Roman hat er selbst illustriert) ... Millesi gibt Lambert eine Scheibtruhe, wo er sein altes Aufnahmegerät DX-8-80T hineinlegt, und so schiebt er sich durch die Stadt Z. Er hört zwar nicht gut, nimmt aber überall mögliche „Instrumente“ wahr und erinnert sich, wie er den Schritt eines gedemütigten Mannes anders klingen ließ als den eines verliebten.

Z. ist Wien, und der letzte Buchstabe bedeutet nichts Gutes, eher ein Ende: Autowracks liegen in den Parks, Häuser brennen, um Platz für Neues zu schaffen.

Lambert hat seine Vergangenheit in der Scheibtruhe, er sucht seinen seinerzeitigen Tontechniker, vor allem sucht er ein Grab für DX-8-80T.

Zurück nach Hause will er nicht mehr, denn er hat nicht nur keine Zukunft, sondern auch keine erstrebenswerte Gegenwart.

Hanno Millesi hat bei einem Geräuschemacher recherchiert. Er hat selbst experimentiert.

Seine langen Sätze bringen nicht nur die Geschichte weiter, sondern stehen auch vor uns wie große Bilder, auf denen viel zu sehen ist.

Der Horizont zwischen Fiktion und Wirklichkeit, das wäre für Lambert ein guter Ort zum Sterben. Wo ist er?

Wo die Kinoleinwand den Boden berührt.


Hanno Millesi: „Der Charme der
langen Wege“
Edition Atelier.
192 Seiten.
20 Euro

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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