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Literatur
05/22/2020

Graham Swift schrieb den Roman zum Lied "Both Sides Now"

"Da sind wir": Wer braucht denn die Welt da draußen? Ohne Täuschungen würde vieles im Leben schäbig aussehen.

von Peter Pisa

 „Da sind wir“ könnte man vermutlich rasch abhandeln, hätte jemand anderer den Roman geschrieben: Ein Varieté – eine Dreiecksgeschichte. Der Conférencier, der Zauberer und seine Assistentin.

Die Assistentin ist mit dem Zauberer verlobt, doch als der Zauberer zu seiner toten Mutter fährt, wechselt sie zum Conférencier.

Alle sind 25, 28 Jahre alt.

Daraufhin zieht der Zauberer noch ein letztes Mal vor Publikum eine Schnur aus seinem Mund, eine lange Schnur, die sich in einen Regenbogen verwandelt, durch den ein Papagei geflogen kommt.

Der Regenbogen verschwindet. Der Papagei verschwindet. Der Zauberer verschwindet.

Für immer.

Weg sein

Graham Swift (Foto oben) hat „Da sind wir“ geschrieben. Der Londoner, der zu wenig laut und umtriebig ist, um als derzeit „größter“ britischer Schriftsteller zu gelten.

Mitten in der Geschichte, die ihr Zentrum 1959 im Seebad Brighton hat, wo im Sommer für die Urlauber die Show stattfindet ... nahezu übergangslos, man merkt es kaum, ist die ehemalige Assistentin des Zauberers 75; und denkt zurück, als ihr verstorbener Mann, der ehemalige Conférencier, zu ihr gesagt hat: „Scheiß auf die Welt da draußen. Wer braucht die schon?“

Und mitten im Geschehen auf der Varieté-Bühne ist der Zauberer acht Jahre alt, und die Mutter gibt ihn weg. Weg – das Wort kommt oft vor.

Man blickt bei der Liebe nicht durch, man kennt sich im Leben nicht aus – es sind die Illusionen, an die man sich erinnert. Joni Mitchell hat davon gesungen („Both Sides Now“). Der Zauberer, der am Ende kein Gaukler mehr ist, sondern zum Magier wird, ist dafür das beste Symbol.

So viel Licht kann gar nicht eingeschaltet werden, um zu erkennen, wie schäbig alles ist.

Anderseits: Wie soll man überleben können ohne Täuschung – wenn jemand „weg“ ist (das Wort „tot“ wird lieber nicht verwendet).

Es war nicht damit zu rechnen gewesen, dass genau dieses Buch mit genau dieser Thematik jetzt gebraucht wurde – gebraucht und verschlungen.

 


Graham Swift: „Da sind wir“
Übersetzt von
Susanne Höbel.
dtv.
160 Seiten.
20,60 Euro

KURIER-Wertung: *****