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Literatur
05/07/2022

Grabrede für den Ehemann, der gleich nach Hause kommen wird

Der englische Komödiant Alan Bennett hat neue „Talking Heads“ geschrieben

von Peter Pisa

Der Sohn, der seine Mutter anschreit, sie soll ihm jetzt endlich ihre Zähne geben – damit er sie waschen kann: Das war von ihm, von Alan Bennett (Bild oben), dem lustigsten, nein traurigsten, nein lustigsten Theaterautor Englands, der übermorgen, Montag, 88 wird.

Ideen holt er sich aus dem ihm vertrauten Kreis, dort ist das „richtige Leben“. Schon seine Eltern hatten das gewisse Etwas – nie fuhren sie mit dem Auto zur Kirche. Denn sie mussten vom Blut Christi nippen, vom Messwein, und dann darf man nicht mit dem Auto.

Und Tante Myra: Als sie an einem überfüllten Strand zur Verwunderung der Liegenden die Asche ihres Mannes verstreute, blies ihr der Wind alles ins Gesicht – was die Tante zu der Bemerkung veranlasste: „Er wollte mich nicht verlassen.“

Die Queen

Bennett wurde außerhalb Großbritanniens mit dem Buch „Die souveräne Leserin“ berühmt. Da ließ er die Queen in ihrer Kutsche ein Buch verstecken, weil das Winken so fad ist.

Und bei Staatsbesuchen fragte sie nicht mehr, wie die Fahrt nach London war. Sondern fuhr z.B. den französischen Präsidenten direkt an: „Reden wir über Jean Genet.“ (Er alarmierte sofort den Kulturminister.)

Die Monologe, die er fürs BBC-Fernsehen schrieb, haben in Großbritannien Kultstatus:

„Talking Heads“, sechs Episoden 1988 produziert, sechs 1998. Jeweils mit einer Schauspielerin / einem Schauspieler, wobei die sich möglichst nicht bewegen durften, um nicht abzulenken – es ging nie um eine Filmhandlung, immer nur um den Text.

Im Corona-Lockdown Mitte 2020 wurden Remakes gedreht, und zwei neue Episoden kamen hinzu.

„Eine gewöhnlicher Frau“: Gwen, so um die 50, hat sich in ihren 15-jährigen Sohn verliebt

Und „Der Schrein“: Lorna sitzt am Küchentisch und erzählt, wie sie täglich am Straßenrand kniete – dort, wo ihr Mann mit dem Motorrad gegen einen Baum geprallt war. Sie kniete, bis ihr ein Polizist sagte: „Er hatte einen Orgasmus, bevor der Unfall geschah.“ Sie kniete, bis eine andere Bikerin bei ihr stehen blieb: „Wir dachten alle, er steht auf Jungs.“

Kürzer

Lustig, traurig, kurz und nie langweilig: (Zu wenige) Gustostückln findet man im aktuellen Buch „Drei daneben“, mit Kommentaren Bennetts und mit (viel zu langen) Erklärungen des Theater- und Filmregisseurs Nicholas Hytner, wie die BBC-„Talking Heads“ entstanden sind.

Im Buch ist auch „Muriel“. Bennett sagt dazu: „Je kürzer, je lieber.“ Kürzer geht’s kaum:

Muriel sitzt vor dem Spiegel, schminkt sich und übt: „Wir sind hier versammelt, um uns an George Hargreaves zu erinnern und sein Leben zu feiern.“

Während ihrer Trauerrede weint sie – stolz, „dass wir beide in 56 Jahren nicht eine Nacht getrennt voneinander verbracht haben.“

Dann knallt unten im Haus eine Tür.

„Bist du es, George?“

Er war ja nur gegen Corona impfen. Muriel sieht verzweifelt aus.


Alan Bennett: „Drei daneben“
Übersetzt von Ingo Herzke.
Wagenbach
Verlag.
144 Seiten.
20,95 Euro

KURIER-Wertung: ****

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