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Literatur
07/03/2021

Frédéric Beigbeder: Humor verändert gar nichts

Der Franzose hat sich mit seiner Famlie aus Paris zurückgezogen: Er ist der Mann, der vor Lachen weinte

von Peter Pisa

Echter Humor macht die Welt erträglicher, zumindest für die Dauer eines Schluckaufs.

Tut gut. Aber Humor verändert die Welt nicht. Humor sorgt nicht dafür, dass die Armen etwas zu essen bekommen.

Humor geht nicht auf die Straße, wenn Kündigungen zwecks Gewinnmaximierung drohen.

Wie wäre es deshalb mit Ernsthaftigkeit?

Das ist die Richtung, in die „Der Mann, der vor Lachen weinte“ geht. Ein antikapitalistischer Roman von Frédéric Beigbeder, der – wie Houellebecq – ein Popstar der französischen Literatur wurde, als er sich in „Neununddreißigneunzig“ über die Werbebranche lustig machte ... zu der er, als Texter, damals selbst gehörte; nach dem Buch dann nicht mehr.

Doppelgänger

Ein Roman? Eher eine Satire auf sich selbst. Eher ein teils witziger und teils hundsgemeiner Essay mit nostalgischen Elementen: Oh Jammer, in den 1990ern (schreibt der heute 55-jährige Beigbeder) konnte man noch zu einer Fremden sagen: „Hast du Lust, mit mir ins Bett gehen?“

Heute:

„Guten Tag, ich bin total scharf auf Sie.“ – „Und was geht mich das an, du Vollidiot?“

Octave Parango ist Beigbeders Doppelgänger. Was Octave – Hauptfigur auch in „Neununddreißigneunzig“ – passiert, ist Frédéric Beigbeder passiert. Ein Roman? Eher eine Autobiografie. Eher eine Revanche.

Der eine wie der andere: Mitglied der Spaßgesellschaft, nur aufs Amüsieren aus. Ein Bourgeois, der selbstverliebt in extrem abgerissenen und (deshalb) extrem teurer Kleidung zur Pariser Kulturelite gehört. Kokain schnupfend. Von einem Rausch im Keller des „Crazy Horse“ zum nächsten.

Beide waren auch Schauspieler, DJ, Filmregisseur – und zuletzt Radiokolumnist.

Guten Abend

Beigbeder wurde 2018 unsanft vom Radiosender France Inter wegen eines unlustigen Auftritts vor die Tür gesetzt. Das tut ihm bis heute weh.

Sein Alter Ego Octave Parango geht freiwillig.

Er – auch er – hatte im Radio heitere Geschichten aus seinem intensiv oberflächlichen Leben erzählt, und wenn er die Mächtigen kritisierte, so fühlte er sich gleich als ein Meister der Revolte.

Sein bester Witz aber war vermutlich bloß, dass er sich immer – die Sendung lief vormittags, fünf Minuten vor neun – mit „Guten Abend“ meldete.

Octave vernichtet sich sozusagen selbst – weil er erkannt hat: Lustigsein darf nicht zum Mittelpunkt einer Existenz werden.

„Die Gesellschaft muss sofort runterfahren.“

Frédéric Beigbeder ist mittlerweile auch gegangen: Er lebt jetzt mit Ehefrau und zwei Kindern fern von Paris zurückgezogen an der Atlantikküste.

Langweilig ist sein neues Buch nicht. Wie kann es langweilig sein, wenn eine Prostituierte gesteht, Donald Trumps Gesicht im TV erregend zu finden ? Entbehrlich ist das Buch bestimmt – aber man will eher nicht versäumen, was Beigbeder sonst noch loslässt.

„Macron ist eine Dampfwalze von erschreckender Zärtlichkeit und warmer Gleichgültigkeit.“

Man wünscht sich von ihm eine österreichische Analyse.


Frédéric Beigbeder:
„Der Mann, der vor Lachen weinte“
Übersetzt von
Claudia
Marquardt.
Piper Verlag.
320 Seiten.
22,70 Euro

KURIER-Wertung: ****

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