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Literatur
08/01/2020

Faktenschmuggler Ilija Trojanow lässt die Wahrheit tröpfeln

Der Roman „Doppelte Spur“ rückt ehrliche Whistleblower ins Zentrum und mahnt zur Aufmerksamkeit

von Peter Pisa

Ganz am Anfang zog Prominenz ein. Sophia Loren, Michael Jackson. Dann kam der Diktator von Haiti „Baby Doc“ Duvalier.

Der New Yorker Trump Tower von 1982 ist in die Jahre gekommen. Dass im Bad nur ein einziges Waschbecken ist, stört zumindest spätere Wohnungseigentümer nicht. Auch ist Verbrechern bestimmt egal, wenn Donald Trump behauptet, seine Familie lebe im 68. Stockwerk.

Nach amtlicher Feststellung gibt es aber nur 58 Stockwerke.

Hämmerchen

„Turm des Schreckens“ nennt Ilija Trojanow (Bild oben) den Wolkenkratzer jenes Mannes, der 2017 US-Präsident wurde.

Wobei dessen Name selten fällt. Er ist: Schiefer Turm. Putin ist „Mikhail Iwanowitsch“. Jeffrey Epstein inmitten seines Systems des Missbrauchs junger Frauen ist in Trojanows aktuellem Buch genauso gegenwärtig wie russische Mafiosi und Auftragskiller mit Wohnungen in den Etagen unterhalb von – Schiefer Turm.

„Doppelte Spur“ ist ein Beweis, dass man aus Politik Literatur machen kann.

Fakten und Fiktion, wobei es – nach oftmaligem Nachschlagen steht es fest – nur Fakten sind, auf denen eine fiktive Erzählung gebaut ist.

Ilija Trojanow hat Wahrheiten in einen politischen Thriller geschmuggelt, um mehr Menschen zu erreichen. Man ist dabei, wenn Akten studiert und analysiert werden. Man muss aufmerksam lesen. Aufmerksam leben. Skeptisch.

Alles ist mit allem verbunden. Auch von Ost nach West sind Fäden gezogen .

Zitat: „Klopft jemand mit einem kleinen Hammer auf ein Moskauer Knie, schlägt das Bein in New York aus.“

Geld gaunert

Beispiel: 1986, als Trump noch mit der Tschechin Ivana verheiratet war, rekrutierte Moskau verstärkt unter mächtigen Amerikanern – „Sympathisanten“. Damit zumindest weggeschaut wird, wenn russisches Geld in den USA ... „gaunert“. Klingt gut: Geld gaunert.

Als Schiefer Turm seine Schulden nicht begleichen konnte, bekam er von einer Bank Geld geliehen. Geschieht eher nie. Außer, das Land von Mikhail Iwanowitschs wünscht es.

Die Rahmenhandlung: Ein Journalist (er heißt Trojanow) bekommt von Whistleblowern Akten zugespielt – aus Russland und Amerika.

Er blickt langsam durch. Gauner wollen, dass wir die Wahrheit für Lüge halten.

Wahrheit tröpfelt aus den „Leaks“. Die erhaltenen Informationen werden zum Genre in der Literatur.

„Whistleblower“, sagt der in Wien lebende Schriftsteller zum KURIER, „sind die ambivalenten Helden der Gegenwart. Wenn es um die Oligarchisierung der Welt und das Ertränken der Wahrheit geht, müssen sie geradezu im Mittelpunkt stehen.“

Es gibt eine Möglichkeit, wenn man NICHT wissen will, wohin die Reise geht: Man tut „Doppelte Spur“ als Sammlung von Lügen ab.

Oder man bildet sich ein, es handelt sich ja eh nur um einen Roman.


Ilija
Trojanow:

„Doppelte Spur“
Verlag S.Fischer.
240 Seiten.
22,90 Euro

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern