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Literatur
01/31/2021

Erich Fried und der Neonazi: Es ist aussichtslos ...

Die Brieffreundschaft des Dichters aus Wien mit Michael Kühnen ist in der Österreichischen Nationalbibliothek dokumentiert

von Peter Pisa

Es gab eine Zeit, als nicht FUCK auf Hauswände gemalt wurde, sondern ein Gedicht von Erich Fried, der vor 100 Jahren in der Wiener Alserbachstraße zur Welt gekommen war (und vor 32 Jahren starb):

Es ist Unsinn

sagt die Vernunft

Es ist was es ist

sagt die Liebe

Und gingen Rechtsextreme auf die Straße, so schrien ihnen Gegendemonstranten entgegen, was Fried, in den 1970ern ein „Held der Studenten“, an Heinrich Böll geschrieben hatte: dass es seine (und jetzt ihre) Aufgabe sei, „gegen die Barbarei und allem vom gleichen Schlag zu kämpfen, solange ich lebe.“

Als seine Witwe, die englische Bildhauerin Catherine Fried (gestorben 2015) in Wien war, erzählte sie im KURIER-Gespräch von seiner Muskelschwäche, dem Charcot-Marie-Tooth-Syndrom: Bei Kundgebungen konnte er nicht davonlaufen, er litt deshalb Todesängste.

Ein- und ausladen

Trotzdem scheute er die Konfrontation nicht. Er suchte sie – oft, um zu umarmen, aus Feindesliebe:

Als Erich Fried (Foto oben) – radikaler Linker, Jude, Antifaschist sowieso – im Jänner 1983 in Bremen in der ARD-Talkshow III nach 9“ saß, sollte mit dem Führer der deutschen Neonazis diskutiert werden. Kurz vor Beginn wurde Michael Kühnen ausgeladen – man wollte ihm lieber doch kein Forum bieten, Fanatiker könne man nicht zu Menschlichkeit bewegen.

Das fand Erich Fried vor laufender Kamera falsch, er wollte seine Feinde verstehen: Mit jedem, der auf die unmenschlichste Lehre hereingefallen sei, setzte er sich an einen Tisch. Die Wiedervermenschlichung derer, die wir hassen müssen, sei notwendig.

Es gab Streit.

Kühnen rief an und bedankte sich live.

Vater-Sohn

„Eine deutsche Freundschaft“ heißt der Untertitel von Thomas Wagners Buch „Der Dichter und der Neonazi“. Das ist etwas dick aufgetragen. Eine BRIEFfreundschaft folgte. 16 Briefe sind erhalten, acht und acht, sie liegen im Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek. Erich Fried hatte Tausende Briefkontakte.

Kultursoziologe Wagner kommt zum Schluss: Eine Vater-Sohn-Beziehung (mit 35 Jahren Altersunterschied) war es, denn so habe Fried ertragen können, welchen Irrsinn „der Sohn“ – Holocaustleugner, Verehrer Hitlers – auftischte.

Die halbe Familie Frieds war vergast bzw. totgeprügelt worden, er selbst rettete sich durch nach London ... und da schreibt ihm Kühnen: alles Propaganda.

Der Dichter antwortet: „Michael, deine Arbeit, das sind die Auffassungen eines Menschen, der zu wenig Liebe und Wärme gehabt hat.“

Er war sicher – erzählte Catherine Fried –, Kühnen dazu gebracht zu haben, sich der Realität zu stellen. Aber schon kurz nach seinem Tod 1988 haben die Neonazis ein Flüchtlingslager mit Stahlkugeln und Brandsätzen attackiert, und Michael Kühnen, ganz in schwarzem Leder, verkündete: „Wir sind nicht tolerant.“ Erich Fried sei fair und aufrichtig gewesen, „ein Ausnahmejude“ halt.

Dann starb auch Kühnen; 36 Jahre alt, Aids.

Literaturkritiker Willi kennt die Geschichte von Frieds Freund, dem im Auto übel wurde. Er konnte nicht halten, es war auf der Autobahn. Fried gab ihm Papiere mit seinen Gedichten, die er noch schnell durchgelesen und halb auswendig gelernt hat, zum Draufsetzen.

So war er. War er bei Kühnen zu naiv? War es ein Fehler, unverzeihlich?

Es ist aussichtslos

sagt die Einsicht

Es ist was es ist


Thomas Wagner:
„Der Dichter und der
Neonazi“
Klett-Cotta.
176 Seiten.
20,60 Euro

KURIER-Wertung: ****

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