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Literatur
01/01/2021

Eine Frage des Stils: Hummer muss immer Hummer bleiben

Michael Maar und "Die Schlange im Wolfspelz" über gute Literatur

von Peter Pisa

Der eine mag die Gurke, der andere die Tochter des Gärtners.

Die Neigungen sind verschieden. Diesen Satz, ein polnisches Sprichwort, wird man sich merken. Den Rest von „Die Schlange im Wolfspelz“ kann man vergessen.

Aber bevor man vergisst, dass sich Michael Maar - Foto oben - über Stefan Zweig lustig macht und Grass und Böll gern weglegt und diese Schriftsteller besonders schätzt:

Doderer, Polgar, Marie von Ebner-Eschenbach, Josef Roth, Thomas Mann (dessen Werk Maar auch für die Studie „Das Blaubartzimmer“ Seite für Seite unters Mikroskop gelegt hat, ganz bestimmt hat er das), Kafka sowieso, Hildegard Knef (ihre Autobiografie!) usw ...

... vor dem Weglegen wird sein Buch über guten und schlechten Stil in der Literatur ein Genuss sein.

Eine Verführung. Eine Aufforderung, viel zu lesen und selbst zu urteilen. Nur so ist gemeint, dass man „Die Schlange im Wolfspelz“ dann vergessen kann.

Spinnwebe

Michael Maar ist ein deutscher Literaturkritiker, 60 Jahre alt, und was er sich an Wissen angelesen hat, ist enorm. Dass er daran teilhaben lässt, ist sehr freundlich.

Guter Stil ist meist mit Ironie verbunden. Die har er. Auch hält er sich bei seiner Stilanalyse daran, Eigenschaftswörter nur zu verwenden, wenn sie originell sind. Phrasen wird man nicht finden bei ihm ...

Das ist zugleich ein Buch für angehende Autoren, denen auf die Schulter geklopft wird: Wiederholungen sind in Ordnung, ein Hummer soll ein Hummer bleiben – man stelle sich einen Text vor, in dem er im nächsten Satz zum Krustentier wird und danach auch noch ein „edler Kruster“!

Den perfekten Schlusssatz fand Michael Maar beim uneitlen, stillen, niemals tricksenden Walter Kappacher.

„Selina“ endet so:

„Beim Hineingehen streifte eine Spinnwebe seine Stirn und erinnerte ihn an irgendetwas Vergangenes.“

Es wäre so stilvoll, kommt – acht Jahre nach seinem bislang letzten Roman – ein neuer des mittlerweile 82-jährigen Salzburgers.

 

Michael Maar: „Die Schlange im Wolfspelz“
Rowohlt Verlag.
655 Seiten.
35 Euro

KURIER-Wertung:**** und ein halber Stern

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