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Literatur
10/13/2019

Ein "Tatort"-Kommissar ermittelt am Ursprung der Welt

Ulrich Tukur ist in seinem ersten Roman geheimnisvoll. Na und? Murakami macht's ja auch nicht viel anders.

von Peter Pisa

In naher Zukunft, um 2030, wenn Demokratien zerfallen und Bücher und Gemälde keinen Stellenwert mehr haben, wenn wieder diese „Sicherheit“ herrscht und man jederzeit verhaftet werden kann (nicht „man“, sondern eh nur die, die im Widerstand sind) ... zu einer Zeit, in der Stumpfsinn noch größer geworden ist, lebt Paul Goullet, trotz seines Namens ein Stuttgarter.

Er ist vom alten Schlag wie Ulrich Tukur, der Schauspieler, der gern Lieder aus den 1920ern, 1930ern singt. Schriftsteller ist Tukur auch.

Seine Novelle „Die Spieluhr“ (2013) war noch manieriert. Derartiges unterlässt Tukur in seinem ersten Roman. „Der Ursprung der Welt“ ist eine Träumerei mit Musik von Charles Trenet, auch Maurice Chevalier singt. Alles folgt einem ausgetüftelten Plan, unangenehm zu merken ist das nicht.

Beschwörung

Paul Goullet fährt nach Paris, weil er dort noch nie war, er blättert bei einem Altwarentandler in Fotos – und sieht sich selbst auf einer 100 Jahre alten Fotografie.

Danach sucht er den Doppelgänger. Und den Großvater, der, wie sich spät herausstellt, Chef der Gestapo in Toulouse war. Und sich selbst sucht er. Die Menschen, mit denen er zusammen kommt, schauen ihn an, als würden sie ihn kennen.

Die Geheimnistuerei, die Tukur veranstaltet, könnte als feig bezeichnet werden: Soll schreiben, was zu schreiben ist! Nicht andeuten. Nicht die Leser, wie man sagt, blöd sterben lassen.

Naja. Der Murakami macht’s auch und gar nicht viel besser und ist immer für den Nobelpreis im Gespräch.

100 Jahre – das ist nichts. Da kann man in wenigen Schritten ins Vergangene hinübergehen (wie es, siehe links, auch in Raphaela Edelbauers Roman geschieht).

Das Jetzt hat Risse, mit Paul Goullet lernt man dessen längst tote Vorfahren kennen; und wie ein französischer Arzt 1943 Fluchthilfe verspricht, dann aber Juden ausraubt ermordet, das erleben wir mit. (Den gab es tatsächlich, Marcel Petiot hieß er.)

Für Ulrich Tukur sind Träume kein Spuk. Sie sind Poesie, und weil die Poesie überall zerstört wird, versucht er eine Beschwörung.

Verspielte Zauberworte verwendet er nicht. Dafür muss man ihm dankbar sein. Er sagt es mit Fantasie ,es würde allerdings einfacher gehen, diese Aussage zu treffen:

Jeder von uns ist auch ein anderer.


Ulrich Tukur:
„Der Ursprung der Welt“
S. Fischer Verlag.
304 Seiten.
22,70 Euro.

KURIER-Wertung: ****