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Literatur
08/06/2021

Doris Knechts fünfter Roman: Abstand zum Unbekannten

Wer nicht nur auf Spannung aus ist, kann sich in "Die Nachricht" über viele Nuancen freuen

von Peter Pisa

Das wäre schade, würde man nur weiterlesen, um zu erfahren, wer die Hassnachrichten im Messenger von Facebook an Ruth Ziegler schreibt.

Zwar ist Doris Knecht in ihrem fünften Roman – nach „Gruber geht“, nach „Besser“ und „weg“ ... – wieder darauf bedacht, mit aktuell brisantem Thema zu unterhalten.

Sie ist keine, die mitten hinein schneidet oder hart zuschlägt. Sie kratzt. Kratzt ein wenig die Wunden in der Gesellschaft auf.

Aber „Die Nachricht“ hat viele Nuancen, die man nicht überlesen darf, wenn man sich auf Ruth Ziegler einlässt.

Eine eigenständige, eigenwillige Frau ist sie; über andere Frauen wird die gebürtige Vorarlbergerin wohl nie schreiben wollen. Eine Witwe, die freilich Momente der Unsicherheit haben muss. Dann fragt sie sich:

Darf ich merkwürdig sein? Wird erwartet, dass ich nicht merkwürdig ist?

Affäre

Ihr Mann kam bei einem Skiunfall vor drei Jahren ums Leben. Sie weiß, dass er sie betrogen hat. Nach seinem Tod erfuhr sie in alten Mails mehr über die Freundin. Ihr Mann ist dennoch in guter Erinnerung. Das Buch porträtiert auch ihn.

Jedenfalls war es nicht der große Schock, als die erste anonyme Botschaft kam: „Weisst du von der Affäre deines prächtigen Ehemannes?“

Wer hat davon etwas?

Es geht dann weiter, beleidigend, demütigend, immer von neuer Adresse und mit bedrohlich viel Wissen über die Patchworkerin, die sich mit ihrem jüngeren Sohn aufs Land zurückzog; in jenes Haus, das sie mit ihrem Mann gebaut hatte.

Ihre schwangere Stieftochter wohnt ebenfalls bei ihr, sie sagt nicht, wer der Vater ist. Sonst – abgesehen von einem Kurzzeitgeliebten – achtet Ruth Ziegler sehr darauf, wen sie in ihre Nähe lässt. Aber wie soll man zum unbekannten Bösen Abstand halten?

Verhaltensregeln kennt sie. Etwa: Ignorieren Sie die Nachrichten. Es wird noch schwieriger, wenn diese auch an Freunde, Arbeitskollegen und Familienmitglieder geschickt werden. Alle Empfänger beruhigen. Irgendwas bleibt allerdings hängen.

Es ist eine „leichte“ Mischkost, um sich mit Hass in den Sozialen Medien zu beschäftigen. Und mit den Folgen einer Vergewaltigung. Und wie verschieden Frauen damit umgehen.


Doris Knecht:
„Die Nachricht“
Hanser Berlin.
256 Seiten.
22,95 Euro

KURIER-Wertung: ****

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