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Literatur
07/19/2020

Die Straßenfotografin Vivian Maier: Ob sie ein Gespenst ist?

Die Amerikanerin bleibt auch im Roman "Vivian" der Dänin Christina Hesselholdt rätselhaft

von Peter Pisa

Wenn man sich, und zwar lange vor dem Zeitalter der Selfies, selbst fotografiert hat, Hundert Mal, Tausend Mal mit Hilfe eines Schaufensters oder Spiegels;

Kann der Grund dafür sein, dass man in den Bildern nachschauen wollte, ob es einen noch gibt oder schon ein Gespenst ist?

Oder nein, es ging Vivian Maier darum, ein Auge auf sich zu werfen, weil es sonst niemand tat bzw. niemand tun durfte:

Vivian, schau dich an, du brauchst dringend eine neue Bluse!

Das Rätsel, das die Amerikanerin umgibt, wird auch in dem unbedingt lesenswerten biografischen Roman „Vivian“ der Dänin Christina Hesselholdt nicht gelöst.

Gut so. Denn ist das Geheimnisvolle weg, bleibt vielleicht bloß eine „Spinnerte“ übrig, die in übergroßen Schuhen mit zackigen Schritten und gefährlich schwingenden Armen ab 1949 durch New York und später durch Chicago marschierte, eine Kamera (zweiäugige Rolleiflex) auf Bauchhöhe am Hals baumelnd.

200 Kisten

Vivian Maier (Bild oben) fotografierte obsessiv. Häuser, Straßen, tote Pferde, Tauben, Frauen mit Fuchspelz, viele Frauen mit Fuchspelz, spielende Kinder, Mist. Auch Gesichter fotografierte sie von Menschen, die nicht fotografiert werden wollten und fluchten. Da lachte sie.

Als sie 83-jährig 2009 starb und Mietzahlungen schuldig geblieben war, wurde ihr Besitz versteigert. Er bestand aus 100, 200 Kisten, die sie stets mitnahm, wenn sie einen neuen Job als Kindermädchen und Haushälterin antrat. (Man sieht die Augen ihrer Arbeitgeber rollen.)

Abgesehen von alten Zeitungen, die sie sammelte, um nichts zu vergessen – was? –, hinterließ Vivian Maier 150.000 Fotos.

Oft waren die Filme gar nicht entwickelt worden, vielleicht wegen Geldnot, vielleicht, weil’s unnötig war: Sie sah das Bild ja, als sie abdrückte. Das könnte ihr genügt haben.

Andere sahen die Fotos zu ihren Lebzeiten nicht.

Nach ihrem Tod gab es Streit bei Gericht, ob die Kaufleute, die die Kisten für fast nichts ersteigert hatten, überhaupt über die Fotografien verfügen dürfen oder weitschichtige Cousins die Rechte geerbt haben. Jedenfalls hängen Bilder jetzt in Ausstellungen, Abzüge kosten Tausende Dollar (aber würden wohl nicht immer in die engere Wahl für den Niederösterreichischen Kulturpreis kommen).

Nase zu

Hesselholdts Roman verrät, Vivian Maiers Vater Charles stammte aus österreichischem Adel. Man mag sich vorstellen, wie er sich, in den 1920ern in die Bronx ausgewandert, dort wohl fühlte ....

Die Mutter war Französin, der Verkauf eines Landguts ermöglichte später weite (Foto-)Reisen.

Familien kommen zu Wort, bei denen alleinstehende Frau arbeitete – Mary Poppins war dieses Kindermädchen keines: Einmal hielt sie einer Kleinen die Nase zu und zwang ihr Essen in den Mund, um schneller zum Fotografieren auf die Straße zu kommen. Das Kind kotzte.

Dieser Dialog ist erfunden – und kommt deshalb der Wahrheit bestimmt nah:

„Warum fotografieren Sie?“

„Weil es meinen Kopf von allem anderen befreit.“

„Aber warum so viel?“

„Es ist besser, nach außen zu gucken als nach innen.“


Christina Hesselholdt:
„Vivian“
Übersetzt von Ursel Allenstein.
Hanser Berlin.
208 Seiten.
21,60 Euro

KURIER-Wertung: ****

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