© Megan Sarah Meyer

Literatur
07/03/2020

Der 1. Corona-Roman: Mit 39 Grad Fieber zwischen Nichts und Nichts

Der Schweizer Martin Meyer nutzt die Krise für Fragen übers Leben und Sterben

von Peter Pisa

Der Schweizer Martin Meyer leitete 23 Jahre das Feuilleton der – schaut man sich das Foto oben an, könnte man es unter Umständen vielleicht fast erraten – Neuen Zürcher Zeitung.

In einem früheren Interview erklärte er, dass man nicht unbedingt immer an die Zeitungsleser denken müsse.

Der Qualität der kulturellen Darbietung sei man verpflichtet.

Die Kritik einer neuen Netflix-Serie hat demnach nichts verloren, weil sie nichts Bleibendes darstellt.

Ein strenger Richter, der gelobte Biografien über Albert Camus und Ernst Jünger geschrieben hat.

Martin Meyers Erzählung „Corona“ dürfte, legt man seine Maßstäbe an, nicht rezensiert werden. Man kann die Sprache genießen. Man kann den Reichtum schätzen. Aber man wird die Erzählung trotzdem vergessen.

Ist nicht schlimm.

Buchhändler

Der 68-jährige schlüpft in einen etwa gleichalten Buchhändler, der Halskratzen hat. Und 39 Grad Fieber. Seine Frau ist vor Jahren gestorben. Eine Nachbarin und seine Nichte bringen Lebensmittel. Es gibt Solidarität. Kann sie, bitte, bleiben? Noch sind die Symptome für einen Corona-Test nicht eindeutig genug.

Er denkt inzwischen nach, über Gott und den Teufel – das heißt, er muss gar nicht nachdenken, ab einem gewissen Alter kommen die Themen von selbst. Und öffnen Pforten in die Vergangenheit.

Auch öffnet der Buchhändler Bücher, die mit Seuchen zu tun haben.

Il Decamerone, Gotthelfs „Die schwarze Spinne“, Defoes „Die Pest in London“, Camus ’ „Pest“ ... Bücher helfen in der Krise. Dazu Grappa, zwei Gläser, und es geht etwas besser.

Es ist gewiss kein Fehler, NICHT gleich über etwas zu schreiben, das gerade erst erlebt wird. Man lässt es ... abliegen, sich setzen. Aber als Vehikel, um Fragen wie „Wie viel Wahrheit verträgt der Mensch?“ und „Wie stirbt man mit Haltung?“ nachzugehen, funktioniert es.

Literatur über Krisen hilft besonders gut in der Krise. Warum? Vielleicht, weil man so besser zu akzeptieren lernt, dass das Leben – hat Thomas Mann vor 100 Jahren notiert – bloß ein Zwischenfall zwischen Nichts und Nichts ist.

 

Kleiner Nachtrag: Martin Meyer teilt mit, es habe sich (auch) in Sachen Netflix einiges geändert - "Ich bin wenn nicht zum Fan, so doch zum munteren Konsumenten dieser Schätze aus der Höhle des Ali Baba geworden." Er wird dadurch nicht nur ... menschlicher, sondern hat darüber kürzlich ein Buch geschrieben, „Gerade gestern. Über das allmähliche Verschwinden des Gewohnten“ (Hanser Verlag).


Martin Meyer:
„Corona“
Kein & Aber Verlag.
208 Seiten.
20,60 Euro

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

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