© Juan Rodrigo Llaguno

Literatur
05/08/2021

„Das Flüstern der Bienen“ aus Mexiko verzaubert überall

Sofía Segovia will, dass wir mit den Augen hören und mit den Ohren fühlen

von Peter Pisa

Es duftet im Buch nach Nusskaramell und nach Thymian, auch nach Zitrusblüten, und später duften die sauberen weißen Leintücher, und nicht im Traum würde einfallen, dagegen die Stimme zu erheben und über eine Art „Geruchsliteratur“ zu lästern.

Denn man muss leise sein, um am Rand der mexikanischen Stadt Linares die (andere) Welt zu spüren.

Und man WILL leise sein, damit man es nicht überhört – „Das Flüstern der Bienen“.

Bienenbub

Magischer Realismus, wo er – Antunes, Fuentes, Borges, Márquez – Tradition hat. Der erste übersetzte Roman von Sofía Segovia.

Mit einem weggelegten Baby, das die Bienen im Wald zudeckten und beschützten, ehe es von der uralten Amme der Familie Morales gefunden wurde.

Reja sitzt normalerweise, und zwar seit Jahren sitzt sie, auf ihrem Schaukelstuhl, und scheint mit dem Holz verwachsen zu sein. Aber dieses Baby, Kilometer entfernt lag es, das will sie gehört haben, und deshalb habe sie ihren Schaukelstuhl ausnahmsweise verlassen ...

Wo immer „Das Flüstern der Bienen“ bisher erschienen ist: Man liebt das Buch. Man vergleicht es mit dem Eintauchen in heißes Badewasser. Es passt, was Hermann van Veen gesungen hat: „Etwas Wärme suchen / etwas Schutz und auch etwas Spaß –“

Sensibler

Der Roman beginnt 1910. Mexikanischer Bürgerkrieg. Spanische Grippe. Das Gesicht des Findelkinds ist entstellt, es hat keinen Mund, sondern ein Loch. Die Oberlippe fehlt. Reden wird der Bub nie können.

Abergläubige sagen, der Teufel habe ihn geküsst.

Die Familie Morales adoptiert ihn trotzdem, samt Bienenschwarm, der immer bei ihm ist. Ein Kind der Natur. Es bekommt den Namen Simonopio.

Es ist ungewohnt, derart wenige Dialoge vorgesetzt zu bekommen. Die mexikanische Schriftstellerin Segovia treibt die Geschichte mit genauen Beschreibungen an, und so wächst unspektakulär und unsentimental (in 100 Kapiteln) die ganze Familie ans Herz.

Die einst vermögenden Morales’ verarmen zwischen den kämpfenden Armeen.

Simonopio verhindert das Schlimmste, er kann kommendes Unheil rechtzeitig erkennen – vor allem was seinen geliebten Bruder betrifft. Die Bienen passen auf Simonopio auf, Simonopio passt auf den kleinen Francisco auf.

Die Bienen sind es auch, die zuflüstern, dass es eine gute Idee wäre, statt Kukuruz Orangenbäumchen anzupflanzen.

Das liest sich als Aufforderung, sensibler durchs Leben zu gehen. Das hatte auch Marcel Proust mit „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ im Sinn. Allerdings wird er selten gelesen.

Wahrscheinlich soll man sowieso mit den Augen hören und mit der Haut sehen und mit den Ohren fühlen.

Hermann van Veen singt in dem bereits erwähnten Lied auch die Refrainzeile:

„Ein flüchtiger Traum ... Doch mehr war es kaum.“

Macht nichts. War eine schöne Zeit mit Sofia Segovia.

 

Sofía
Segovia:

„Das Flüstern
der Bienen“
Übersetzt von Kirsten Brandt.
List Verlag.
479 Seiten.
22,70 Euro

KURIER-Wertung: ****

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