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Literatur
07/25/2020

Colum McCann: Tausendundeine Nacht im Nahen Osten

Im Roman „Apeirogon“ ist Trauer die Waffe, mit der in Israel um Frieden gekämpft wird

von Peter Pisa

Smadar ging mit Freundinnen die Ben-Jehoda-Straße im Zentrum Jerusalems entlang, sie hatte Kopfhörer auf, Sinead O’Connors sang ihr Lieblingslied: „Nothing Compares 2 U“.

Drei palästinensische Selbstmordattentäter mit je 20 Kilo schweren Sprengstoffgürteln lösten sich in rosa Rauch auf. Vom Anführer blieb ein Auge auf der Markise vom Café Atara liegen. Samt Sehnerv.

Acht Unbeteiligte wurden in den Tod gerissen, unter ihnen drei Mädchen, unter ihnen Smadar.

Ein Ringen

Abir war zehn, sie war in der Pause Zuckerln kaufen, nun stand sie vor dem Schultor, als ein israelischer Soldat ein Gummigeschoß mit 160km/h aus seiner M-16 abfeuerte. Er hatte sich bedroht gefühlt.

Das Geschoß warf Abir mit solcher Wucht nach vorn, dass ein Schuh vom Fuß gerissen wurde. Ihr Hinterkopf zersplitterte.

Abirs Vater, der palästinensische Muslim Bassam Aramin, und Smadars Vater, der Jude Rami Elhanan, wurden Freunde. Brüder wurden sie. Combatants for Peace = Kämpfer für den Frieden im Ringen um Verständnis. Die Trauer ist ihre Waffe.

Es gibt sie wirklich.

Sie treten gemeinsam auf und diskutieren trotz Beschimpfungen– mit dem Ziel (und das ist ja wohl auch das Ziel von Colum McCann mit „Apeirogon“ ):

Soll sein, dass Israeli und Palästinenser einander hassen. Aber das Töten muss aufhören.

„Es wird erst vorbei sein, wenn wir reden.“

Scheherazade

Diese Männer stehen im Zentrum des Romans, der nur fast einer ist – er besteht aus 1.001 Fragmenten. Manche sind einen Satz lang, und wachsen, nachdem sie gelesen wurden.

Der irische Schriftsteller – Foto oben, National Book Award für „Die große Welt“ – erinnert damit an Scheherazade, die mit ihren Erzählungen in Tausendeiner Nacht das Töten stoppte.

Im Titel steckt das zweite Symbol: Ein Apeirogon ist eine Figur mit unendlich vielen Seiten. Um sich ein Gesamtbild machen zu können, muss man drehen und wenden und hinauf zu den Vögeln schauen, die Israel überqueren und hinunter zum blinden Dichter Borges, der sich in den 1070ern bei den Geräuschen in den Gassen der palästinensischen Viertel Jerusalems wohl fühlte ...

So ein Buch, so ein derart anderes Buch gibt es nur alle paar Jahre bestenfalls. Es wird stärker und stärker durch das Zerbrochene und immer wieder neu Zusammengesetzte, das die Völker zeigt und die Väter und die verlorenen Töchter.

Bassam Aramins kleiner Sohn will Steine auf die Besatzer werfen. Das will der Vater verhindern. Er hatte in seiner Jugend Handgranaten geworfen, niemanden verletzt, aber jahrelang war er deshalb im Gefängnis gesessen.

Zuerst, sagt er, musst du einen Stein auf MICH werfen. Ich will, dass du MICH triffst.

Der Bub kann das nicht. Er kann nur aus dem Hinterhalt auf Unbekannte, die er nicht sieht. Er weint.

Ein guter Anfang.

 

Colum McCann:
„Apeirogon“
Übersetzt von Volker Oldenburg.
Rowohlt Verlag.
640 Seiten.
25,70 Euro

KURIER-Wertung: ***** (Höchstwertung)

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