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Literatur
01/30/2021

Bernardine Evaristo: Jeder Satz eine Note, zusammen spielt die Musik

Mit dem Roman "Mädchen, Frau etc" beendet die Londonerin das Fehlen schwarzer Frauen in der britischen Literatur

von Peter Pisa

Toni Morrison beeinflusste sie sehr. Und jenen Satz der 2019 in New York verstorbenen Literatur-Nobelpreisträgerin hat die Londonerin Bernardine Evaristo jetzt beherzigt:

„Wenn es ein Buch gibt, das Sie lesen möchten, das aber noch nicht geschrieben wurde, dann müssen Sie es selbst schreiben.“

So entstand „Mädchen, Frau etc.“ Laut Evaristo gibt es keine schwarzen britischen Frauen in der Literatur, und jetzt gibt es viele: Junge sowie eine 90-jährige Frau, deren Lebensgeschichte einen tiefen Blick erlaubt. Frauen aus allen Schichten, eine übergibt an die nächste, ein Stafettenlauf und Musik.

Ein zwölfstimmiger Chor vielleicht. Oder eine Symphonie. Bernardine Evaristo ist nicht allein der Inhalt wichtig, sondern auch die Form. Es ist immer nur ein einziger Punkt gesetzt. Dann, wenn eine Geschichte fertig erzählt ist. Vorher steht jeder Satz allein in einem Absatz.

Die Erste

Da denken Argwöhnische sofort, aha, so wichtig hält sie jedes ihrer Wörter. So ist das nicht, es sind „normale“ Sätze, keine Ausstellungsstücke.

Aber jeder Satz eine Note.

Erst zusammen geben sie den Takt an und sind stark, es geht nur ums Zusammensein:

Nicht komplett ignoriert werden und zusammensein, das ist eine der Aussagen.

Bernardine Evaristo war 2019 die erste schwarze Schriftstellerin, die mit dem Booker-Preis für den besten englischsprachige Roman ausgezeichnet wurde – gemeinsam mit Margaret Atwood für die Fortsetzung ihres „Report der Magd“ (= „Die Zeuginnen“)

Der Reigen beginnt bei einer Künstlerin, die nie still war, sondern den wichtigen Theaterleuten vor die Füße kotzte, und jetzt, mit 50, wird ihr Stück über afrikanische Amazonen endlich im National Theatre aufgeführt.

Dann die Tochter, die sich geniert für die Mama. Dann ein ehemaliges Kindermädchen ... wie sie lachen und weinen, leben, lieben, Erfolg haben, scheitern. Vor allem: wie sie darum kämpfen, dass es kein Schwerpunkt ist, ob jemand schwarz ist und/oder schwul.

Dass es zur Fußnote wird.

Seite 141: „ach, wäre sie doch bloß eine der Privilegierten dieser Welt, die es als ihr selbstverständliches Recht betrachten, unbehelligt, unverdächtigt, respektiert die globale Welle zu surfen“

Das Foto oben zeigt die beiden Siegerinnen 20019: Margret Atwood, Bernardine Evaristo


Bernardine Evaristo:
„Mädchen, Frau etc“
Übersetzt von Tanja Handels.
Tropen Verlag.
512 Seiten.
25,90 Euro

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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