© Jens Oellermann

Literatur
03/21/2020

Benjamin Quaderers erster Roman: Sympathischer Staatsfeind Nr. 1

"Immer die Alpen" unterhält mit der halbwahren Geschichte vom Diebstahl und dem Verkauf Liechtensteiner Bankdaten.

von Peter Pisa

„Immer die Alpen“ feiert die Fantasie, allerdings ist der Unterschied z.B. zu Jonas Jonassons Hundertjährigem, der aus dem Fenster kletterte, nicht nur, dass es bei Benjamin Quaderer (Bild oben) keinen Hundertjährigen gibt.

Und keine Fenster, keinen Elefanten, nicht einmal ein Gespräch mit Angela Merkel und Kim Jong-un.

Dafür aber gibt es einen Hochstapler mit Bohrmaschinenkoffer der Firma Hilti, das Fürstenhaus Liechtenstein spielt eine Hauptrolle, Tibet-Forscher Heinrich Harrer eine Nebenrolle.

Da war ...

Entscheidender ist dieser Unterschied: Das (dicke) Buch fantasiert nur zwischendurch bunt und witzig.

Es geht hintergründiger zu als beim alten Schweden ... und sprachlich raffinierter – z.B. wenn eine Fußnote die Führung übernimmt. Und wenn (linke Seite, rechte Seite) plötzlich aus zwei Blickwinkeln erzählt wird.

Und die Melodie, wenn 20 Sätze hintereinander mit „da war“ anfangen (da war der Himmel, da war der Geruch von Gras und Verkehr, da war Entsetzen und Freude), ist eindrucksvoller als Wortverrenkungen.

Vorlage / Inspiration war Heinrich Kieber, der in der Liechtensteiner LGT Bank das Archiv digitalisierte. Er kopierte 2002 die Daten von Steuersündern, die ihre Millionen in Stiftungen platziert hatten. Mit dem Verkauf an Deutschland wurde Kieber selbst Millionär (minus 10 % Steuer, pauschal).

Bei Quaderer wurde daraus in fünf Jahren Arbeit „Für immer die Alpen“: Während Liechtensteins Staatsfeind Nummer 1 im Zeugenschutzprogramm Wohnorte wechselt,notiert er, warum er seinem Land, Schaden zufügte. Johann Kaiser heißt er.

Ein Waisenkind (obwohl er Mutter und Vater hatte); ein glühender Monarchist, seit sich Fürstin Gina um ihn kümmerte; ein Betrüger schon als Kind, als sich Johann als Juan Hilti vorstellte, Sohn des reichen Werkzeugherstellers. Es ist kein Wunder, dass er entführt wurde.

Johann Kaiser trickst, wenn er sein Leben ausbreitet. Man muss ihm nicht alles glauben. Man wird ihm glauben. Und sympathisieren wird man mit ihm.

Und was Liechtenstein betrifft, hat er sowieso recht. Der Roman porträtiert auch das Fürstentum inkl. Tiefgarage in Vaduz mit den versteckten Parkplätzen, direkter Zugang zur Bank.

Die willkommenen Ausländer können dann notfalls behaupten, nach Vaduz gekommen zu sein, um die aktuellen Briefmarken mit den Feuerwehrautos zu kaufen.

(Seite 276): „Das Wichtigste von allem, das sage ich Ihnen im Vertrauen, ist die Geschichte, die man erzählt.“ Das gilt nicht nur für Hochstapler. Bei „Immer die Alpen“ klappt auch noch das Zweitwichtigste: WIE man etwas erzählt.

 

Benjamin Quaderer:
„Für immer
die Alpen
Luchterhand
Verlag.
592 Seiten.
22,70 Euro

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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