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Literatur
11/13/2021

Antonius Diogenes hält "Wolkenkuckucksland" von Anthony Doerr zusammen

Drei große Haufen Puzzleteile zum längeren Verschwinden unter der Tuchent

von Peter Pisa

Zwischen Himmel und Erde gibt es ein Land, dort hat niemand Kümmernisse, und es gibt keine Regeln und keinen Lärm, und jeder wird endlich das haben, was es schon hier unten gebraucht hätte:

Weisheit.

Warum hier bleiben, wenn ich dort sein könnte?

(frei nach Aristophanes, Die Vögel)

Ist mit dem Land vielleicht der Tod gemeint? Eine Bibliothek könnte es sein. Ein Buch.

Ein Buch wie der neue Roman von Anthony Doerr (Bild oben), dem Amerikaner aus Idaho, der stehend schreibt und sich die Ohren zustoppelt währenddessen.

Im Rucksack

Ein Buch, in dem man für längere Zeit verschwinden kann wie unter einer Tuchent.

Dem Geschichtenerzähler genügt es diesmal nicht, wie in „Alles Licht, das wir nicht sehen“ (Pulitzer-Preis 2015), die Gefühle der Leser nach Belieben einzuschalten.

Mit „Wolkenkuckucksland“ wagte er ein komplizierteres Spiel. Wohlgemerkt -land, nicht -heim. Denn das Wolkenkuckucksheim wäre bloß eine negative Spinnerei, und solches lag Doerr fern.

Es sind drei große Haufen Puzzleteile. Jeder allein besteht aus liebevoll gezeichneter Details und ist einfach zum Zusammensetzen.

Die Herausforderung für Anthony Doerr war es, die entstandenen Bilder eins werden zu lassen; und wahrscheinlich ist es auch für ungeduldige Leser ziemlich herausfordernd.

Die einen Teile zeigen einen Jungen mit Rucksack, heute in den USA. Im Rucksack sind Kochtöpfe, Nägel, Sprengstoff – verbunden mit dem Schaltkreis eines Handys. Läutet es vier Mal, geht der Rucksack in die Luft. Der Junge will die Natur schützen. Er will nicht, dass die Graueulen im Wald durch Reihenhäuser vertrieben werden.

Ist dieses Puzzlebild fertig, wird jemand mit dem Rucksack weglaufen, damit niemand in Gefahr gerät.

Es läutet vier Mal.

In Konstantinopel

Im zweiten Bild wird u. a. ein Bub mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalte für einen Dämon gehalten. Sein Großvater beschützt ihn.

Ist dieses Puzzle gelegt, sieht man Kinder im Krieg – 1453 bei der Eroberung von Europas Bollwerk gegen den Islam: Konstantinopel.

Das dritte Bild ist aus der Zukunft. Im Raumschiff suchen Menschen einen Planeten zum Überleben und sind dabei dem Bordcomputer ausgeliefert. Eine 14-Jährige begehrt auf.

Drei bedrohliche Situationen, in denen die vierte Geschichte hilft und alles zusammenhält.

Doerr hat auch sie erfunden – auf historischem Untergrund: Vor etwa 1.800 Jahren schrieb Antonius Diogenes einen Roman auf 24 Tafeln – von denen so gut wie nichts erhalten blieb.

Eine Zeile ist bekannt: Fremder, öffne dies und siehe, was dich erstaunen wird.

Ist damit ein Buch gemeint? Ein Roman wie „Wolkenkuckucksland“, den man sich wie eine Tuchent über den Kopf ziehen kann.

 

Anthony
Doerr:
„Wolkenkuckucksland“
Übersetzt von
Werner Löcher-Lawrence.
C.H.Beck Verlag.
532 Seiten.
25,95 Euro

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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