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Literatur
04/10/2020

Anna Burns' preisgekrönter Roman: Bürgerkrieg mit Irgendwer McIrgendwas

Die Booker-Preisträgerin erinnert sich in "Milchmann" an Belfast in den 1970-er Jahren.

von Peter Pisa

Auf der Straße geht eine 18-Jährige, die keinen Namen hat, in einer Stadt, die keinen Namen hat, und liest „Ivanhoe“. Sie hat schon im Gehen „Madame Bovary“ gelesen und „Tristram Shandy“. Jedenfalls nie Bücher aus dem 20. Jahrhundert, weil sie das 20. Jahrhundert nicht mag.

Sie geht und liest zwischen Autobomben und Straßenschlachten.

Für sie ist das normal.

So beginnt „Milchmann“. Die nordirische Schriftstellerin Anna Burns (Foto oben mit Herzogin Camilla)  hat damit 2018 den Booker Prize für den besten englischsprachigen Roman gewonnen.

Burns selbst ist, freilich mit großen Einschränkungen, die junge Frau mit „Ivanhoe“. Auch sie hat das Leben in den 1970ern als „normal“ empfunden.

Die Stadt ist ihre Stadt Belfast. Burns’ Roman ist Erinnerung an ein katholisches Viertel – ist Erinnerung an die Gewalt in Zeiten des Zorns.

Stalker

Selbst England wird nicht beim Namen genannt, denn die Situation im Bürgerkrieg ist überall auf der Welt gleich.

Schwager eins ist ein Dreckskerl, die Ich-Erzählerin ist die „Mittelschwester“ (sie hat eine jüngere und eine ältere Schwester) und hat einen Vielleicht-Freund. Es gibt einen Dings und noch einen Dings sowie (und das ist der Allerbeste) den Irgendwer McIrgendwas ... und den Milchmann gibt es.

Er wurde zwar noch nie mit einer Flasche Milch gesehen. Aber alle nennen ihn so, er gilt als Held, für die andere Seite ist er Terrorist. Milchmann ist verheiratet, zumindest fast verheiratet, aber er steigt der 18-Jährigen nach. Er stalkt sie, er weiß, wann sie wie zur Uni fährt, mit wem sie tanzen geht. Aber es ist SIE, über die man in der Stadt sagt: Flittchen, ein auf der Straße lesendes Flittchen.

Man muss den (nordirischen) Wahnsinn nicht dokumentieren. Man kann ihn zeigen, indem man jemanden im Alltag begleitet: Im Kleinen zeigt sich das große Misstrauen, der große Konflikt.

Milchmann“ ist ein fest gebauter Roman. Da ist nichts fluffig, es gibt viel zu lesen, mehr als die 450 vollgeschriebenen Seiten. Einige soll man laut vorlesen, um sie zu genießen. Das hat der Jury-Vorsitzende beim Booker Prize gesagt, und das macht auch auf Deutsch Sinn.

 

Anna Burns:
Milchmann
Übersetzt von
Anna-Nina Kroll.
Tropen Verlag.
452 Seiten.
25,80 Euro.
auch hier erhältlich

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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