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Literatur
08/27/2021

Am Ende hat Michael Köhlmeiers Kater ein Büro bei Ingeborg Novak

"Matou": Die 960 Seiten beginnen beim Geruch des Todes während der Französischen Revolution

von Peter Pisa

Es war einmal ein Hund, ein Kampfhund, der hat im Roman eines Deutschen selbst erzählt, dass er Dexametazon ins Fressen gemischt bekommt, gegen seinen Stress; und Lidocain als Schmerzmittel; und Epinephrin fürs Herz.

Das war seltsam zu lesen. Der Hund siegte, beschrieb seinen toten Gegner, dann hielt er das Maul.

Michael Köhlmeier lässt eine Katze erzählen. Er nimmt wörtlich, dass Katzen sieben Leben haben und beginnt beim ersten Leben, als Matou, das ist der Kater, während der Französischen Revolution bei Camille Desmoulins lebte. „Ich liebte es, meinen Schwanz in die Höhe zu recken.“ Desmoulins wurde gemeinsam mit seinem Freund Danton guillotiniert.

Lebenszeit

Dort hat Matou den Geruch des Todes kennengelernt:

Chilis in der Pfanne + verbranntes Eisen + im Verhältnis 1 zu 10 mit dem Duft von faulendem Gras verdünnen.

Im zweiten Leben lernt er Schreiben und Lesen von E.T.A. Hoffmann – der ja selbst über eine Katze geschrieben hat (sein Kater Murr war Satire). Köhlmeier ist philosophisch: Was ist der Mensch? 100 Antworten gibt er. Die 66. Antwort lautet: Der Mensch ist einer, der im Winter anders aussieht als im Sommer.

Fast 1000 Seiten hat „Matou“ (übersetzt: Kater), Misstrauen ist angebracht. Die Lebenszeit muss man einteilen, sonst braucht man Dexametazon. Außerdem steht auf Seite 743: „Meine Zeit ist überaus wertvoll.“

Bis Matou in der Gegenwart bei Frau Irmgard Novak in Wien 19 sein siebentes Leben verbringt (wo er ein eigenes Büro hat), kann Köhlmeier viele Geschichten und Gedichte unterbringen.

Xenophon

Auch Listen von Büchern sind abgedruckt, die vom klugen Kater verschlungen werden, etwa „Das Staatswesen der Lakedämonier“ von Xenophon. Ist kein Bestseller.

Der Vorarlberger Köhlmeier verknotet die Fäden mit großem Geschick und Eleganz, sodass man kaum wahrnimmt: Das ist eine Nummernrevue.

Aus der Bibel wird nacherzählt, de Gaulle und Adenauer wollen gemeinsam kochen, die Rede von Kafkas Affen vor der Akademie wird analysiert, Andy Warhol denkt nach, ob Gott Metapher ist, auch wird nachgedacht, was man tun würde, wäre man ein Berg ... uff.

Wenn Köhlmeiers nächster Roman erscheint, könnte man mit „Matou“ fertig sein.

Denn es liest sich flott.


Michael Köhlmeier:
„Matou“
Hanser Verlag.
960 Seiten.
35 Euro

KURIER-Wertung: ****

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