© Estate of Lisette Model

Kultur
12/17/2018

Böse Bilder, die jucken und zwicken

Eine Schau spürt dem Werk der Fotografinnen Lisette Model, Diane Arbus und Nan Goldin nach

Es ist eine beliebte Übung, Kulturleistungen auf ihre österreichischen Wurzeln abzuklopfen – tatsächlich finden sich gerade in der US-amerikanischen Film-, Foto- und Kunstgeschichte viele Einflüsse aus Österreich, was freilich mit der Vertreibung der jüdischen Bevölkerung ab 1938 zu tun hat.

Bei Lisette Model, 1901 als Elise Amelie Felicie Stern in Wien geboren, war das nicht anders: Die einstige Schülerin Arnold Schönbergs, die sich 1933 der Musik ab- und der Fotografie zuwandte, emigrierte über Frankreich 1938 in die USA, wo sie zu einer gefragten Magazin-Fotografin wurde und u.a. an der „New School for Social Research“ lehrte.

Welchen Einfluss sie dort auf die amerikanische Fotografie nahm, wird in der Schau „Model Arbus Goldin“ im Wiener Westlicht (bis 24.3. 2019) gut sichtbar: Die Ausstellung kombiniert Models klassische Aufnahmen mit Bildern zweier Vertreterinnen nachfolgender Generationen. Tatsächlich gab Model ihr Wissen an der „New School“ direkt an Diane Arbus (1923 – 1971) weiter. Auch Nan Goldin (*1953) besuchte 1974 einen Workshop bei Model.

Am Rand

Die Werke der drei Fotografinnen unterscheiden sich in ihrer Ästhetik freilich stark. Was sie eint, ist ein mitunter obsessiver Blick auf gesellschaftliche Randerscheinungen, gepaart mit dem Bestreben, die eigene Weltsicht ins Bild einzubringen. Dabei muss der „Rand“ nicht am unteren Ende sozialen Hierarchie liegen: Model etwa wurde 1934 mit ihren Porträts gelangweilter Großbürger an der Strandpromenade von Nizza bekannt und behielt denselben schonungslosen Blick später auch auf die New Yorker High Society bei. Zugleich fotografierte sie Bettler oder Straßenhändler in ihrer nahsichtigen, nahezu karikierenden Manier, als wollte sie sagen: Wohlhabend oder nicht, am Ende ist der Mensch ein Narr.

Bei Arbus wurde die Illusionslosigkeit dann noch prononcierter: Schönheitsköniginnen, Tanzpaare oder Mittelstandsfamilien blicken derart eisig aus ihren Bildern, als wären sie vom Highway des amerikanischen Traums geradewegs in einer Sackgasse gelandet. In Arbus’ Hauptwerk „Box of 10 Photographs“ steht ein riesiger Mann gebückt in einem viel zu niedrigen Wohnzimmer; an anderer Stelle der Sequenz ist in einem ganz ähnlichen Raum ein Christbaum zu sehen, dem die Spitze abgesägt wurde: Die normierten Ideale sind zu eng, sie jucken und zwicken in diesen Bildern überall. Einzig bei Goldin kommt so etwas wie Empathie zum Vorschein: Ihre Fotos von Drag Queens und Paaren im Bett sind zwar auch demaskierend, vermitteln aber den Eindruck, dass an den Rändern auch Solidarität und Wärme möglich ist.

Fraktion Fotomuseum

Die Schau ist eine willkommene Gelegenheit, ein wichtiges Stück Fotogeschichte abzuschreiten. Wienerinnen und Wiener tun das allerdings nicht zum ersten Mal: Der Kurator der Schau, Gerald Matt, zeigte als Chef der Kunsthalle Wien bereits 1998 eine Nan-Goldin-Schau, 2000 dann Lisette Model. Die Sammlung des Fotografen F.C. Gundlach, aus der wichtige Leihgaben stammen, präsentierte Matt 2011 in der Kunsthalle. Ein zentraler Leihgeber ist nun außerdem der Wiener Immo-Unternehmer Daniel Jelitzka.

Wer weiß, dass Matt und Westlicht-Chef Peter Coeln sich intensiv für die Gründung eines neuen Fotografie-Museums stark machen, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Schau, die zuvor im Flatz Museum Dornbirn gastierte, nicht zuletzt auch dem Besiegeln kulturpolitischer Allianzen dient. Dazu passt auch, dass US-Botschafter Trevor Traina die Ausstellung eröffnete: Er ist selbst Fotosammler und erregte 2004 Aufsehen, als der den Rekordpreis von 600.000 US-$ für Diane Arbus berühmtes Foto eines Zwillingspaares zahlte. Die Version in der Schau stammt allerdings nicht aus seinem Besitz.