Kultur
20.03.2018

Belvedere: „Wie Promis, die man nackt sieht“

Der Künstler Vik Muniz bildet die Rückseiten berühmter Gemälde exakt nach – und erklärt, warum.

Seit 18 Jahren beschäftigt sich der Brasilianer Vik Muniz (*1961) damit, die Rückseiten bekannter Gemälde bis ins kleinste Detail nachzubilden. Für die Ausstellung im Oberen Belvedere (bis 17.6.) wurde die Serie „Verso“ um die Rückseiten von Klimts „Kuss“ und Schieles „Umarmung“ erweitert. Muniz will damit die Erfahrung des Museumsbesuchs schärfen.

KURIER: Es überrascht, wie viel moderne Technologie an den alten Gemälden zu sehen ist.

Vik Muniz: Die Maler, deren Werke Jahrhunderte überlebten, arbeiteten zu ihrer Zeit alle an vorderster Front der technischen Entwicklung. Dazu kommt die Technologie, die die Nachwelt anwendet. In jedem Museum werden andere Entscheidungen getroffen, um ein Bild am Leben zu erhalten. Die Mona Lisa ist dabei so etwas wie die Formel Eins.

Sie hat ein Alu-Gestell auf der Rückseite. Wozu?

Das ist ein Sender. Die Mona Lisa hat einen Spalt auf der Rückseite, der im 19. Jahrhundert mit einer eher primitiven Holzsteckverbindung überbrückt wurde. Darüber macht man sich heute Sorgen, und so gibt es einen Apparat, der den Spalt überwacht. Wenn der sich auch nur einen Mikrometer erweitert, kriegt jemand ein SMS. Lange lief das über Funk, vor kurzem stellte man auf W-Lan um, weil es wegen der Handynutzung im Museum Interferenzen gab. Die Mona Lisa hat also eine IP-Adresse.

Was gab Ihnen den Anstoß, sich den Rückseiten von Bildern zuzuwenden?

Wenn man die Rückseite eines wichtigen Werks sieht, muss man das Bild selbst gar nicht sehen, es taucht im Kopf auf, sobald man den Titel kennt – etwa Klimts „Kuss“. Dann fühlt es sich fast an, als würde man jemand Berühmten nackt sehen. Mich reizte zudem die seltsame Idee, auf der Basis von Fotografien etwas Reales zu schaffen.

Ist das auch für Leute sexy, die nicht Künstler, Kunsthistoriker oder Restauratoren sind?

Wenn Leute in die Ausstellungsräume kommen, fühlen sie sich erst oft einmal fehl am Platz und denken, die Ausstellung sei nicht fertig. Das ist gut, denn es schärft das Bewusstsein fürs Museum: Ein Haus wie das Belvedere diktiert ja, was man darin zu tun hat. Man weiß, was man zu sehen bekommt und dass man danach ein Schokotörtchen verzehren wird. Alles, was das durcheinander bringt, färbt auf die gesamte Erfahrung ab: Wer die Rückseite von Klimts „Kuss“ gesehen hat, wird auch die Vorderseite anders betrachten.

Die Rückseiten sind also eine Art Spiegel für das Museum als Institution?

Die Anfertigung der Objekte ist ein kollaborativer Prozess – wir arbeiten mit Anwälten, Versicherungsleuten, Konservatoren, Kuratoren, Direktoren, also jenen Leuten, deren Job es ist, sicherzustellen, dass ein Bild langfristig im Museum hängt. Ich sehe die Rückseiten auch als Tore, die ein wenig den Blick in diese Welt öffnen.

Ich sah Ihre Werke erstmals im Jahr 2000 – damals malten Sie u.a. die Mona Lisa mit Materialien wie Schokosauce nach. Wie verlief der gedankliche Weg von dort zur Rückseiten-Serie?

Wenn man ein Gemälde wie die Mona Lisa besucht, hat man das Bild schon im Kopf und geht nur ins Museum, um eine Übereinstimmung herzustellen. Wenn ein Bild der Vorstellung ähnelt, es sich aber unterscheidet, weil es etwa in ein anderes Material übertragen ist, fängt man an, sich Fragen zu stellen. Grundsätzlich teilt sich ein Gemälde immer in das Material und das oberflächliche Bild, das „Image“. Wenn man zwischen diesen Ebenen Spannung erzeugen kann, hat man seinen Job als Künstler gut gemacht.

Wie, glauben Sie, verändert die Digitalisierung unser Verhältnis zu Bildern?

Ich definiere Kunst als die Entwicklung der Schnittstelle zwischen der mentalen und der materiellen Welt. Vom Paläolithikum bis heute haben wir die dicke Wand, die unser Inneres von der Außenwelt trennt, mit Hilfe von Bildtechnologien poliert, bis wir Mitte des 19. Jahrhunderts diese spezielle dünne Membran kreierten – die Fotografie. Sie war perfekt, sie hatte Eigenschaften beider Welten. Und dann kam die digitale Technologie und durchstieß diese Membran. Digitale Bilder haben keine Materialität, sondern nur eine mentale Seite, und es sieht so aus, als hätte diese – mit all den virtuellen Bildern – die reale Welt überflutet. Gerade jetzt sind wir sehr verwirrt, wir erleben eine Krise der Realität, wir sehen, dass das Dokumentarische gefährdet ist, dass Leute aufgehört haben, Fotos als Beweise zu akzeptieren: Alles kann passieren, man kreiert es einfach in seinem Computer. Es ist eine aufregende Zeit, um Künstler zu sein, aber als Individuum bin ich besorgt. Wir werden all diese Probleme nicht innerhalb einer Lebensspanne lösen. Und daher müssen wir massiv auf Bildung setzen.