© Bruce Nauman/ Bildrecht Wien, 2019

Kultur
04/26/2019

Belvedere-Ausstellung: Kopf voraus in die Tiefen der Seele

Die kluge Schau „Talking Heads“ verfolgt den Reiz der Messerschmidt-Köpfe bis in die Gegenwart

Manche Kulturorte Wiens wirken wie Eingänge in geheimnisvolle Höhlen, die Zugang zu tiefer liegenden Schichten des Menschseins versprechen: Die Kunstkammer im KHM mit ihren Kuriositäten gehört dazu, das Wachskabinett im Josephinum mit seinen adrett aufgeschnittenen Leibern – und das Belvedere mit den „Charakterköpfen“ des Franz Xaver Messerschmidt (1736 – 1783) ebenso.

Alle genannten historischen Orte und Werke inspirierten Künstlerinnen und Künstler, die sich selbst als ästhetisch-intellektuelle Höhlenforscher betätigten. Der Belvedere-Kurator Axel Köhne meint, dass er allein mit Messerschmidt-Variationen mehrere Ausstellungen hätte füllen können.

Kopfstücke

Mit „Talking Heads“, einer konzentrierten und klugen Schau in der Orangerie des Unteren Belvedere, hat Köhne genau das aber nicht getan. Die seltsam grimassierenden Kopfskulpturen des Barockbildhauers, die hier bis 18.8. ein wenig ihrer Position als Selfiemotive im Oberen Belvedere entrückt sind, sind zwar die Kristallisationspunkte der Schau. Diese schürft aber viel tiefer und fragt generell nach den Bedeutungsdimensionen des Kopfmotivs in der Kunst.

Köhne weist dezidiert darauf hin, dass sich künstlerische Auseinandersetzungen mit dem menschlichen Kopf eben nicht im Porträt erschöpfen: Bereits Messerschmidts expressive Skulpturen – der Barockbildhauer schuf sie ohne Auftrag und behielt sie bis zu seinem Lebensende bei sich – scheinen von tiefen inneren Antrieben geformt. Ein Porträt funktioniert dagegen meist wie eine Bühne, auf der sich der Wunsch nach Selbst-Darstellung mit den gesellschaftlichen Vorstellungen dessen trifft, wie man bzw. frau auszusehen hat.

Am Eingang der Raumfolge blickt man also in das kaum bewegte Gesicht von Joseph Beuys, das Lutz Mommartz 1969 abfilmte und als „soziale Plastik“ betitelte. In weiterer Folge begegnet die Künstlerin Anna Artaker, die Totenmasken aus einem Moskauer Sowjet-Museum in Schaukästen und einer Filmmontage in eine Zwischenwelt verpflanzte: Obwohl der direkte und fotografische Abdruck eine detailgetreue Konservierung des Dargestellten versprach, scheint hier jegliche Individualität entwichen.

Arnulf Rainer, der in seinen Werken Messerschmidt-Köpfe ebenso eigenwillig überarbeitete wie Totenmasken und Bilder seines eigenen verschnürten Kopfs, ist in der Schau natürlich präsent. Ebenso Maria Lassnig, die sich in den 1950er Jahren fast wie eine Bildhauerin mit Kopfdarstellungen befasste, bevor sie ab den 1960ern Häupter malerisch zu Gemüsereiben, Kameras und surrealen Formen umgestaltete.

Abgetrennt

Spätestens hier ist klar, dass sich die Schau nicht im Gegenüberstellen von Motiv und Variation erschöpft: Die Künstler Tony Oursler und Douglas Gordon tangieren die Barockvorbilder eigentlich gar nicht, gehen mit ihren unheimlich-düsteren Installationen aber direkt an jenen Grenzbalken, an dem die Trennung von Geist und Körper verahndelt wird.In Gordons Werk „30 Seconds Text“ geht das Licht an, sobald man den Raum betritt – an der Wand ist zu lesen, dass ein französischer Arzt nach der Enthauptung eines Mannes noch versuchte, mit dem abgetrennten Kopf zu kommunizieren. Er registrierte rund 30 Sekunden lang eine Regung, und so lange dauert es auch, bis in der Schau das Licht wieder ausgeht und die Besucher mit verstörenden Bildern im Kopf im Dunklen stehen.

Dass die Ausstellung, auch bedingt durch das lang gezogene Orangerie-Gebäude, wie eine Höhle aufgebaut ist und nach hinten hin düsterer wird, erscheint da nur adäquat: Diese Reise zu alter und neuer Kunst lässt Besucher am Ende mit starken Eindrücken und Einsichten wieder ans Licht treten.

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