© Igor Grubic, Zagreb

Kunst
09/24/2018

Belvedere 21: Freiheit kann auch frustrierend sein

Die Schau „Der Wert der Freiheit“ lässt sein Publikum durch viel aktuelle Kunst navigieren.

„Der Knecht singt gern ein Freiheitslied / des Abends in der Schenke / das fördert die Verdauungskraft / und würzet die Getränke“, spöttelte bereits Heinrich Heine. Er traf damit ein Grundproblem all jener Kunst, die sich politisch geriert: Hat sie tatsächlich das Potenzial, die Verhältnisse zu ändern, oder trägt sie nur zum Wohlbefinden und zur Hygiene jener bei, die engagierte Dichtung, Malerei – oder auch Videoinstallationen – herstellen oder wahrnehmen?

Bis 10. Februar 2019 lässt sich im Wiener Belvedere 21 über solche Fragen sinnieren: „Der Wert der Freiheit“ heißt die materialreiche Gruppenausstellung, für die Kurator Severin Dünser mehr als 50 Werke zeitgenössicher Künstlerinnen und Künstler zusammengetragen hat.

Sicherheitskontrolle!

Zu betreten ist die Schau durch ein von Absperrband gesäumtes Labyrinth, wie man es auch vor Sicherheitskontrollen an Flughäfen vorfindet. Seltsamerweise wird auch der Blick durch den Fokus auf den Freiheitsbegriff eng geführt: In jedem Werk sucht man unweigerlich die Freiheit, die der Kurator meint. Doch wer nach einer klar dargelegten These sucht, wird frustriert wieder von dannen ziehen.

Die Ausstellung ist am ehesten als eine vielgestaltige Ansammlung von Denkanstößen zu begreifen. Der Philosoph Christoph Menke erklärt da etwa in einem Interview mit Alexander Kluge, warum Befreiung „immer erst beim zweiten Versuch“ gelingen kann; ein Buch mit Scherenschnitten von Kara Walker verweist auf die zwiespältige Befreiungsgeschichte der afroamerikanischen Bevölkerung. Ein transparenter Kubus, in dem der Künstler Trevor Paglen ein Motherboard zur Datenverschlüsselung wie ein Heiligtum präsentiert, verweist auf die Überwachung im Digitalzeitalter. John Gerrard zeigt dazu ein Video, für das er eine Google-Serverfarm digital rekonstruierte, nachdem ihm verboten worden war, eine solche zu filmen.

Alles in der Ausstellung fühlt sich sehr aktuell und heutig an. Der Verdacht der Beliebigkeit lauert allerdings hinter jeder Ecke, wobei es kaum Ecken gibt: Die Idee, statt Stellwänden handelsübliche Absperrzäune zur Unterteilung zu nutzen, lässt offen, ob die Schau Besuchern bessere Durchblicke ermöglichen oder ihnen das Gefühl des Eingesperrtseins vermitteln möchte. Wo neben Fragen des öffentlichen Raums auch das Thema fließender Geschlechteridentitäten (Philipp Timischl, Ashley Hans Scheirl) und vieles mehr angesprochen wird, bleibt aber ein recht fransiger Freiheitsbegriff zurück.

Freiheit on demand

Was aber, wenn die Uneindeutigkeit Methode hat? Tatsächlich bietet die Schau zahlreiche interessante Möglichkeiten, über die Verfügbarkeit und die Einschränkung von Freiräumen zu reflektieren. Der Kurator, der sein Publikum eben nicht an der Hand nimmt und eben nicht mit dem Gestus des Belehrens und Befreiens auftritt, könnte im Zweifel selbst ein Agent der Botschaft sein, dass einem Freiheit nicht gegeben wird, sondern etwas ist, das der Mensch sich nehmen muss.

Wobei Freiheit im konkreten Fall der Belvedere-Ausstellung auch Freizeit impliziert: Mit vielen Videoarbeiten, von denen einige an die 30 Minuten lang sind, sperrt sich die Schau gegen ein schnelles Durchlaufen und Abnicken. Kurator Dünser sagt, er sehe Museen heute verstärkt als öffentliche Räume, in die Menschen idealerweise immer wieder ein- und ausgehen sollten, um sich Impulse für das eigene Denken und Tun zu holen.

Wer Museen als solche Freiräume kennen und schätzen gelernt hat, wird diese Idee gutheißen und verteidigen wollen. Jene, an denen die bewusstseinsbildende Kraft der Kunst bisher abgeperlt ist, werden von dieser Schau nicht bekehrt werden. Wenn „des Abends in der Schenke“ ein paar kritische Geister mehr sitzen, ist das aber eh auch nicht daneben.

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