Bayreuth: Jubel und Buhs am Grünen Hügel

Nach der Premierenwoche der 100. Richard-Wagner-Festspiele fällt die Bilanz zwiespältig aus. Das Publikum bestraft Regieeinfälle und liebt die Sänger.

Fünfter und letzter Tag der Premierenwoche bei den Bayreuther Festspielen: In der Wiederaufnahme der Oper "Tristan und Isolde" wurden am Freitag vor allem die Sänger gefeiert. Das Premierenpublikum belohnte die sängerischen Leistungen des amerikanischen Tenors Robert Dean Smith und der schwedischen Sopranistin Irene Theorin (Bild) in den Titelrollen mit Ovationen. Als König Marke war Robert Holl zu hören. Peter Schneider dirigierte das Festspielorchester. Vereinzelt gab es (wieder einmal) Buhrufe. ...

Zum Durchklicken. Die Inszenierung von Christoph Marthaler stammt aus dem Jahr 2005. Sie wird nun im fünften Jahr gespielt. Marthaler und Anna Viebrock, die Bühnenbild und Kostüme entworfen hat, versetzen "Tristan und Isolde", eines der wohl berühmtesten Liebesdramen der Opernliteratur, in die tristen Kulissen eines Wartesaals und eines Krankenzimmers. Sie zeigen ein Stück voller Hoffnungslosigkeit, die Liebenden bleiben einander fremd. 

Es gehört in Bayreuth mitterweile fast zur Folklore, dass das Publikum die Regieleistungen abstraft. Aber die Eröffnungs-Premiere der diesjährigen 100. Wagner-Festspiele schrammte knapp am veritablen Opernskandal vorbei. ... Aus der KURIER-Kritik: "Geht es nach der Reaktion des Publikums, dann haben Regisseur Sebastian Baumgarten und Bühnenbildner Joep van Lieshout ihr Ziel erreicht. Für ihre gewollten Provokationen wurde das Leading Team nach der Premiere von Wagners "Tannhäuser" mit einem einhelligen Buh-Orkan von der Bühne gejagt.
Ärger gab es bereits im Vorfeld. So wollten Baumgarten und vor allem Joep van Lieshout - seine Installation ist auch das Hauptproblem der Neuproduktion - "Tannhäuser" ohne Pausen spielen. Die Gastronomie am Grünen Hügel habe das aber verhindert, erklären beide verärgert im Programmheft."
KURIER-Kritiker Peter Jarolin ortete im technoiden Bühnenbild einen möglichen Racheakt: "'Technokrat' nennt der bildende Künstler dieses Fabrikshallen-Monster, das Stimmen perfekt verschwinden lässt. Hier wird gepfuscht, respektive mit einem roten "Alkoholator" (ja, das heißt bei Van Lieshout so) Biogas produziert." Ach ja, Musik wurde auch noch gemacht: "Womit wir beim Dirigat wären. Bayreuth-Debütant Thomas Hengelbrock setzt mit dem an sich guten Festspielorchester (toll der Chor) auf schlanke Tempi und Strukturen, bewegt sich aber manchmal hart an der Grenze zum Stillstand. Auch dafür gab es einige Buhs. Noch schlimmer erwischte es die überforderte, schrille Venus von Stephanie Friede, die ganz massiv abgestraft wurde.
Besser erging es dem vokal farblosen Tannhäuser von Lars Cleveman, der sich oft in den Sprechgesang flüchten konnte. Immerhin ist Camilla Nylund (Bild) eine gute Elisabeth, ... ... Michael Nagy ein sehr guter Wolfram und Günther Groissböck ein exzellenter Hermann. Lothar Odinius (Walther), Thomas Jesatko (Biterolf), Arnold Bezuyen (Heinrich), Martin Snell (Reinmar) und Katja Stuber (Hirt) füllen ihre Rollen immerhin aus. Das ist für Bayreuth zu wenig."

Bild: "Tannhäuser" Lars Cleveman und "Elisabeth" Camilla Nylund vor dem "Alkoholator" Zu wenig - das sieht wohl auch Festspielleiterin Katharina Wagner so. Sie meint allerdings das Geld. Die Bayreuther Festspiele brauchen mehr davon - andernfalls droht nach Darstellung von Co-Festspielleiterin Eva Wagner-Pasquier (rechts) sogar eine Schließung des Festspielhauses. ... Wagner-Pasquier mahnte mehr finanzielle Unterstützung bei der dringend notwendigen Sanierung des Hauses und beim Bau einer neuen Probebühne an. "Der Bund und das Land müssen helfen, die Stadt muss helfen, alle müssen helfen", sagte sie bei der Jahresversammlung der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth. Zum letzten Mal zu sehen ist heuer Katharina Wagners Inszenierung der "Meistersinger von Nürnberg". Da wird gestrichen und gemalt, was das Zeug hält. Tische, der Flügel, ein Violoncello - alle bekommen die Farbkleckse des Kunstrevoluzzers Walther von Stolzing ab. Dabei geht es doch eigentlich um einen Gesangswettbewerb.
Die Regisseurin versinnbildlicht den Gegensatz zwischen Althergebrachtem und neuen Wegen der Kunst, zwischen Bildungsbürgertum und Proletariat, auf ihre Weise. Doch das Publikum will dieser Deutung wie schon in all den Jahren seit der Neuinszenierung von 2007 nicht folgen. Es buhte das Konzept der Komponisten-Urenkelin nach Leibeskräften aus. ... Katharina Wagner nimmt in dem viereinhalbstündigen Opus die deutsche Gründlichkeit aufs Korn. Die Lehrbuben des Meisters Hans Sachs tragen züchtig Schuluniform, das Haar adrett gescheitelt, immer im Gleichschritt marsch marsch. 
Die Solisten singen die vom Publikum wenig geliebte Inszenierung (im Bild: eine Traumsequenz) einfach weg. ... Gelobt wurden James Rutherford als Hans Sachs, Bayreuth-Debütant Burkhard Fritz als Stolzing. Adrian Eröd als stimmlich ausgereifter Beckmesser, Michaela Kaune als Eva.
Sebastian Weigle dirigiert souverän.


Bild: Burkhard Fritz als Walther von Stolzing (links) und der österreichische Tenor Norbert Ernst als David. Die Bayreuther "Lohengrin"-Inszenierung von Hans Neuenfels aus dem Vorjahr mit menschengroßen Laborratten irritiert die Zuschauer auch bei ihrer Neuauflage 2011, und fiel abermals durch. Es mag keine Begeisterung im Publikum aufkommen - ratlose Gesichter und viele Fragen am Mittwochabend schon in den Pausen nach den beiden ersten Akten. Dafür überzeugte die musikalische Leistung umso mehr. Unter der gekonnten Leitung von Andris Nelsons sang Klaus Florian Vogt die Titelpartie mit fast jugendlicher, noch völlig unverbrauchter Tenorstimme. Annette Dasch stand ihm als Geliebte Elsa von Brabant wie schon zur Premiere 2010 kongenial zur Seite. Einen Lichtblick für einen Bayreuth-Regisseur gab es am vierten Tag der Premierenwoche: Stefan Herheims Inszenierung von Richard Wagners Bühnenweihfestspiel "Parsifal" hat freundlichen Applaus erhalten.
Vor allem feierte das Publikum allerdings die Sänger, allen voran Simon O'Neill (Bild) in der Titelpartie und ... ... Susan Maclean als Kundry. 
Das Publikum nahm die Inszenierung von Stefan Herheim positiv auf: Der Regisseur deutete das Erlösungsdrama politisch und setzte an zu einem Ritt durch die Geschichte Deutschlands - Erster Weltkrieg, Nazi-Diktatur, Hakenkreuzfahnen. Die Erlösung des siechen Amfortas durch Parsifal schließlich wird mit der deutschen Nachkriegsdemokratie gleichgesetzt. Ob der Meister selbst ob der Buhrufe am Grünen Hügel rotiert? Richard Wagner galt zu seiner Zeit als Bühnen-Innovator und würde wohl einen inszenatorischen Stillstand auch nicht gutheißen. Problematisch ist noch immer das Verhältnis Israels zur Musik Richard Wagners - die antisemitische Haltung des Komponisten ist dort noch immer präsent. Das erste Wagner-Konzert eines israelischen Orchesters in Deutschland ist in Israel auf ein geteiltes und sehr emotionales Echo gestoßen. "Schon während der ersten Akkorde der Hatikva (Hymne Israels) wurde klar, dass es sich um etwas Einzigartiges handelte", schrieb die Zeitung Haaretz. "Zweimal musste ich weinen, bei der Hatikva und bei Wagner", zitierte die Zeitung einen der Musiker und fügte hinzu: "Er war nicht der einzige". 
Kritik am Bayreuther Konzert, bei dem Katharina Wagner die Schirmherrschaft übernahm, fand sich hingegen in der Zeitung "ediot Achronot. In einem Gastkommentar fordert der Journalist Giulio Meotti, Wagners Musik müsse so lange verboten bleiben, wie der Holocaust geleugnet werde und "antisemitische Führer von Teheran bis Kairo zu einer neuen Shoa anstacheln". Bayreuth als Postkarten-Idyll für Wagnerianer - damit dürfte es wohl auf Dauer vorbei sein ... ... Mit Frank Castorf steht bereits der nächste Regie-Revoluzzer ante portas. Katharina Wagner verkündete, dass der Intendant der Berliner Volksbühne im Jubiläumsjahr 2013 den "Ring des Nibelungen" in Bayreuth inszenieren soll. Sie stehe in Verhandlungen mit dem 60 Jahre alten Theatermacher. "Das ist aber noch keine definitive Zusage." Als Bühnenbildner ist der Serbe Aleksandar Denic im Gespräch. "Das Team für den neuen Ring muss noch gefunden werden, solange können wir noch nicht sagen, dass das Ding perfekt ist", erklärte Katharina Wagner. Als Dirigent steht seit längerem der Russe Kirill Petrenko fest. Bayreuth feiert im Jahr 2013 den 200. Geburtstag und den 130. Todestag Richard Wagners.

Bild: Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier bei der Eröffnung Ihr scheint's auf jeden Fall weiterhin in Bayreuth zu gefallen: Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel, die den "Tannhäuser" besuchte, ist Stammgast am Grünen Hügel und, wie Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer erklärte, musikalisch auch sehr gebildet. "Ich sitze immer neben der Kanzlerin", berichtete Seehofer. "Die Einzigen, die mir das erklären können, sind sie und ihr Mann." Dabei hat Kanzlergatte Joachim Sauer offensichtlich noch tiefere Wagner-Kenntnisse als die Kanzlerin: "Sie sagt dann immer, frag' meinen Mann", scherzte Seehofer.

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(KURIER/KURIER.at/apa/dpa / tem) Erstellt am
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