© KURIER/Stephan Boroviczeny

Kultur
05/04/2012

Balàka wagt ein Experiment in Venedig

Mit falschen Bio-Eiern, die es im Buch gibt, wollen wir nicht betrogen werden. "Kassiopeia" liest sich nur anfangs wie eine harmlose, ironische Liebesgeschichte.

Das fängt schon mit dem Klappentext an. Auch er ist eine Täuschung. (Vielleicht ist er bloß schlecht geschrieben, aber nehmen wir einfach an, er ist absichtlich so uninteressant.)

"Judit Kalman und Markus Bachgraben sind ein Traumpaar – zumindest wenn es nach ihr geht. Mit ihm, dem jungen Erfolgsautor, will sie noch einmal ganz von vorne beginnen ..."

"Kassiopeia" wehrt sich gegen das Zusammengefasstwerden. So hinterhältig hat die 46-jährige Salzburgerin Bettina Balàka ihren Roman angelegt.

"Kassiopeia" hat mehrere Böden. Auf jedem kann man sein Zelt aufschlagen und Lese-Urlaub machen.

Venedig

Judit, also die eine Hälfte des angeblichen Traumpaars, ist verwitwet, vermögend, über 40, noch immer "den" Sinn suchend – und ganz fixiert auf den jungen Schriftsteller Markus Bachgraben.

Eine leise Stalkerin ist sie.

Judit fährt Markus nach Venedig nach, wo er an seinem neuen Buch arbeiten will.

Nach Venedig!

Kann man denn noch über das schwitzende Venedig im Juli schreiben? "Man" kann nicht. Bettina Balàka kann. Sie experimentiert. Sie riskiert viel.

Sie schreckt nicht einmal davor zurück, den Mond über dem Bacino di San Marco zu bestaunen; und schafft trotzdem alltägliche Bilder fern des Märchens.

Sollen doch alle glauben, zumindest die ersten 100 Seiten lang, "Kassiopeia" sei einfach eine Lovestory!

Bettina Balàka spielt den Lesern etwas vor. Ohne Getöse, ohne Getrommel in der Buch-Werbung, hier sei Großartiges gelungen.

Dass sich im Buch so nebenbei eine Frau den Kiefer ausrenkt, während sie Sex hat, mit vollem Mund gewissermaßen – das gehört auch dazu.

Und auch, dass zwischendurch "Dinge, die es früher gab" aufgelistet werden – 1 Stollwerck um 10 Groschen, die Redensart: "Bis zur Vergasung" ... –, ist für die Handlung völlig unwichtig.

Aber ein Zeichen, was alles Literatur werden kann.

Langsam werden die vielen Hüllen abgestreift, und das Kernthema liegt frei:

Manipulation.

Judit manipuliert Markus. (Sie stiehlt ihm sogar das Geldtascherl, damit er sie braucht.)

Und Markus? Na, da wird Judit noch schön schauen! Der braucht Stoff für den neuen Roman. Judit ist Stoff. Nur Stoff?

Markus’ Mutter beherrscht das Besch..., also das Schwindeln, auch recht gut: In Salzburg verkauft sie falsche Bio-Eier und "österreichischen Honig" aus der Ukraine. Das ist bös von ihr. Die Täuschungen der Bettina Balàka hingegen sind hohe Verführungskunst.

Peter Pisa

KURIER-Wertung: ***** von *****

Hannelore Valencak – "Die Höhlen Noahs"

Ein klarer Bergsee, in dem sich Forellen fangen lassen. Wiesen mit Kräutern und Heilpflanzen, aus denen man Salben rühren kann. Ein paar Ziegen, die ohne Gatter frei umherwandern. Ihre sättigende Milch trinkt man zum Frühstück, fertigt Frischkäse und große Käselaibe für die Vorratskammer. Manchmal, zu Festtagen, wird eines von den Tieren geschlachtet.

Der Traum vom Fernab-der-Zivilisation scheint hier erfüllt, doch nur der zweite Teil des Satzes stimmt. Weit weg vom Rest der Welt sind wir in einem Albtraum. Fünf Menschen leben hier im Talkessel, wo es nur ein einziges Gebot gibt: Du sollst nicht lieben.

Wir befinden uns in "Die Höhlen Noahs". Anders als für Noah, den Gott vor der Sintflut rettete, gibt es keine Gnade für die hier Gestrandeten.

Der Rest der Welt ist verbrannt. Martina hat sich aus dem Inferno retten können, mit letzter Kraft hat sie ihren kleinen Bruder Georg mitgeschleppt, bevor die Stadt im Flammenmeer versunken ist. Ein Unbekannter hat sie hierher geführt, wo Flüchtlinge aus der untergangenen Welt aufs Ende warten.

Jetzt sind sie nur noch zu fünft: Martina, Georg, das Mädchen Luise, ihr Großvater und die Magd Maria. Sie haben die Apokalypse, das Jüngste Gericht oder schlicht: das Ende der Welt überlebt.

Seit zehn Jahren leben sie hier, als Valencaks Erzählung beginnt. Martina, die Stärkste, versucht, zu fliehen. Doch es gibt keinen Ausweg. Die Menschen sind unbarmherzig geworden, und die Erzählung hat auch kein Erbarmen mit ihnen.

Hannelore Valencak, geboren 1929 in Donawitz in der Steiermark, war Physikerin in einem Stahlwerk. Sie schrieb Lyrik, Kinderbücher und fünf Romane – darunter das wunderbare "Fenster zum Sommer", 2011 vom Residenzverlag neu aufgelegt.

Valencak, sie starb 2004, wird oft mit Marlen Haushofer verglichen. Auch Haushofer schrieb mit "Die Wand" eine Erzählung vom Alleinsein am Ende von allem. Kein überraschendes Thema nach dem Zweiten Weltkrieg, im Kalten Krieg, nach Hiroshima und Nagasaki. Nicht nur, weil es nun Fukushima, Wirtschaftskrise und kein Ende des Nahostkonflikts gibt, muss man "Die Höhlen Noahs" wieder entdecken.

Barbara Mader

KURIER-Wertung: ***** von *****

Felicitas Hoppe - "Hoppe"

Dass das Ich ein anderer ist, haben wir oft gehört. In Felicitas Hoppes fabulierter Autobiografie "Hoppe" wird Rimbauds Diktum erneut auf die Probe gestellt.

Man könnte viel Zeit damit verbringen, nachzuprüfen, was in diesem Roman stimmt: Etwa, ob Erfinder Alexander Bell der Großvater des Pianisten Glenn Gould war (nein!). Hoppe dichtet ihnen das Verwandtschaftsverhältnis an.

In ihrem zwanzigsten Roman behauptet Hoppe eine Kindheit in Kanada, samt Karriere als Eishockeyspielerin. Ausgestattet mit Erfindergeist und absolutem Gehör habe sie den "Leuchtpuck" erfunden und sei Pianistin geworden. Ihre Jugendliebe: Eishockeycrack Wayne Gretzky. Die frühe Kindheit verbringt sie im Rattenkostüm, sie stammt ja aus Hameln. Sei von ihrem Erfindervater entführt worden, später per Schiff nach Australien gereist. In jeder Lebenslage dabei: ihr Rucksack.

Die brillante Felicitas Hoppe – 1969 tatsächlich in Hameln geboren – legt mit "Hoppe" einen originellen und zutiefst komischen Text vor, in dem sie die landläufige Literaturkritik aufs Korn nimmt. Und philosophisch wird. Über ihre Romanfigur sagt sie: "Ich habe sie nach Kanada, nach Australien geschickt und stelle fest: Egal, in welche Kulisse ich diese Person stelle, sie bleibt Felicitas Hoppe! Und das ist eine interessante Erfahrung, denn das, was wir faktisch für so wichtig halten, ist nicht das, was die Essenz unserer Person ausmacht".

Barbara Mader

KURIER-Wertung: ***** von *****

Germán Kratochwil – "Scherbengericht"

Auf einem Tiroler Gutshof in Patagonien lässt sich Frau Clementine Semmelknödel rösten. Sie singt "Beim Burgtor am Michaelerplatz ..." Sie liest Karl Heinrich Waggerl.

Gleich wird die Wienerin, die mit einem Argentinier verheiratet war, ihren Geburtstag feiern. Am 1. Jänner 2000 wird Clementine 90 Jahre alt.

Ihr Sohn Martin reist aus Buenos Aires an, er nimmt seine Tochter mit. Die ist etwas seltsam, weil sie nicht nur mit Walen redet, sondern denen sogar sagt, sie sei die Wiedergeburt von Lady Di.

Das klingt alles sehr erfreulich (zum Lesen), und der nach Argentinien ausgewanderte Korneuburger Germán Kratochwil, ein studierter Sozialwissenschaftler, hat damit in seinem ersten Roman "Scherbengericht" bewiesen, dass er 1.) etwas zu erzählen hat und 2.) erzählen kann.

Das Problem ist nur: Er wirft nichts weg sozusagen. Bis es endlich zum Fest kommt – bei dem sich herausstellt, dass Clementine einen uralten Nazi zum Geliebten hat, der Hitlers Berghof am Obersalzberg nachbaute –, ist man von Geschichten und Namen sternhagelvoll.

Treugott hört Radio Habana, Tito riecht nach Meer, Trigo kann nicht mehr gehen, beim Südtiroler Wastl tanzte Wäsche an der Leine, Rotraud hat kornblumenblaue Augen, und der Enzo verspätet sich. Wer zum Kuckuck ist Enzo?

Peter Pisa

KURIER-Wertung: *** von *****

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