Liebesgeschichten ohne Heiratssachen

Tom Buhrow moderiert eine Sendung und hält Papiere in der Hand.
Katharina Gericke holte sich sehr viel Lob - Tex Rubinowitz sorgte für Heiterkeit.

Liebesgeschichte in Berlin, in Wien - Beziehungsgeschichten beherrschten den letzten Tag des Wettlesens um den Ingeborg-Bachmann-Preis im Klagenfurter ORF-Theater. Den Auftakt machte Katharina Gericke, die sehr viel Lob einheimste. Wohlwollende Beurteilungen gab es auch für Tex Rubinowitz. Viel Kritik musste hingegen Georg Petz einstecken.

In Gerickes "Down, down, down" geht es um eine Liebesgeschichte, die von zwei älteren "Beobachtern" eingefädelt wird. Die beiden verkuppeln die Kellnerin ihres Stammcafes mit ihrem Angebeteten, der eigentlich nach einer Opernsängerin schmachtete. Die Sache geht natürlich schief, der Mann verlässt die Kellnerin wieder, übrig bleiben lauter traurige Menschen.

Katharina Gericke gestikuliert während einer Podiumsdiskussion.
"Blankvers-Herrlichkeit", über deren Anwesenheit beim Wettbewerb sie sich sehr gefreut habe, befand Daniela Strigl. Meike Feßmann sah einen unkonventionellen Text, Hildegard Keller lobte das Balladenartige in diesem "neuartigen und interessanten Text". Juri Steiner war ebenfalls sehr angetan, Arno Dusini lobte den Aufbau, hatte aber doch Einschränkungen. Juryvorsitzender Burkhard Spinnen, der Gericke vorgeschlagen hatte, lobte "seine" Autorin, ihre "romantische Ironie" mit viel Herz.

Tex Rubinowitz, der auf das obligate Autorenporträt verzichtet hatte, las die Erzählung "Wir waren niemals hier". Darin erinnert sich der Ich-Erzähler an eine lang vergangene Beziehung mit einem Mädchen aus Litauen, eine problematische Beziehung mit einem "durch und durch pragmatischen Menschen", wie sie in dem Text bezeichnet wird. Sie leckt an Batterien und lernt Koreanisch, er studiert Kunst.

Hubert Winkels sah einen Text über Abwesenheit mit slapstickartigen Elementen. Dusini ortete einen erfrischenden Effekt, weil das Thema ohne die literarische Bedeutungsschwere verhandelt werde. Für Feßmann besteht der Witz in dem Text in dem "Missverhältnis dieses Paars", abgesehen von den "cartoonistisch gesetzten" Pointen. Keller befand, es sei eine Pointenjagd, an manchen Stellen gebe es aber Nachlässigkeiten. Steiner konstatierte eine "Junggesellenmaschine". Strigl, die Rubinowitz eingeladen hatte, meinte, die Beiläufigkeit mache den Charme des Textes aus, der viel Verzweiflung und Melancholie enthalte. Spinnen stellte fest, der Text sei "so scheußlich gelesen, dass es fast schon wieder gut war".

Georg Petz trinkt ein Glas Wasser während einer Veranstaltung.
Den Abschluss machte Georg Petz mit "Millefleurs", noch einer Liebesgeschichte. Diesmal ist es eine Studentenliebe, die in der Normandie spielt. Der Protagonist muss sich allerdings mit einem Jugendfreund seiner Cecile auseinandersetzen, beim Schwimmen kommt es zur gewaltsamen Entladung des Konflikts, doch beide erreichen das Ufer, der Ich-Erzähler bleibt in dieser Auseinandersetzung aber Sieger.

Feßmann äußerte Respekt vor der Größe der Aufgabe, die sich der Autor gestellt habe, er habe sie aber leider nicht bewältigt. Winkels machte der Text Beklemmungen. Steiner befand, das Ornamentale sei in der Erzählung sehr präsent, der Inhalt verschwinde darunter aber ein wenig. Keller, die Petz vorgeschlagen hatte, meinte hingegen, der Autor habe seine Aufgabe überzeugend gelöst. Spinnen konstatierte, dass es "untendrunter" eine Geschichte gebe, die ihn interessiere. Es sei ein toller Entwurf, aber letztlich "stehen die Metaphern doch einander auf den Füßen". Strigl zeigte sich nur mäßig angetan. Dusini bemängelte eine "offensive Poetisierung", ein ungeklärtes Verhältnis zum Sprachlichen.

Damit waren die Lesungen abgeschlossen, die Verleihung der Preise findet am Sonntag um 11.00 Uhr statt. Wie immer vergibt die Jury vier Preise, dazu kommt der Publikumspreis. Hauptpreis ist der mit 25.000 Euro dotierte Ingeborg-Bachmann-Preis, den im vergangenen Jahr Katja Petrowskaja gewonnen hat.

Offen wie schon lange nicht mehr scheint nach den drei Wettbewerbstagen im Klagenfurter ORF-Theater das Rennen um den 38. Ingeborg-Bachmann-Preis. Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren hat sich kein klarer Favorit herauskristallisiert. Gleich mehrere Autorinnen und Autoren können sich gute Chancen ausrechnen, unter ihnen auch Gertraud Klemm und Roman Marchel aus Österreich.

Zum Kreis der Preisanwärter gehört diesmal auch ein Schweizer, nämlich Michael Fehr. Aus Deutschland dürfen Katharina Gericke und Senthuran Varatharajah mit einer Auszeichnung spekulieren. Auf die Shortlist dürften auch Anne-Kathrin Heier und Tex Rubinowitz kommen. Die restlichen österreichischen Teilnehmer, Olga Flor, Birgit Pölzl und Georg Petz werden wohl eher leer ausgehen.

Roman Marchel machte das Handikap, als Allererster lesen zu müssen, mit seinem stillen Text über Pflegebedürftigkeit und das Sterben wett. Bis auf Hubert Winkels, der sich zu sehr an Michael Hanekes "Amour" erinnert fühlte, waren die Juroren durchwegs sehr angetan bis begeistert. Gertraud Klemm mit ihrer Geschichte über eine junge Mutter, der das Mutterdasein zu viel wird, löste da deutlich kontroversere Debatten aus, wobei sich vor allem die Jurorinnen für die Autorin begeistern konnten.

Düster und fragmentarisch kommt Michael Fehrs "Simeliberg" daher. Fehr zeichnet in stark schweizerisch gefärbtem Deutsch ein beklemmendes Bild eines Schweizer Dorfes, das Juryvorsitzendem Burkhard Spinnen nicht gefallen mochte, ansonsten aber viel Lob einheimste. Fast einhellig positiv bewertet wurde auch Katharina Gerickes "Down, down, down", einer Liebesgeschichte mit Opern-Bezügen, die von der gelernten Schauspielerin auch entsprechend theatralisch vorgelesen wurde.

Am Vortrag haperte es wiederum bei Tex Rubinowitz, seine Rückschau auf eine studentische Liebesgeschichte "Wir waren niemals hier" hatte dafür viele Pointen, die das Publikum erheiterten und auch von den Juroren wohlwollend aufgenommen wurden. Heftig debattiert wurde dagegen Anne-Kathrin Heiers "Ichthys", ein atemloser Text über Süchte und Zwänge. Ein mutiger Text, mit dem die Autorin auch viel Risiko genommen hat, ob es für einen Preis reicht, wird man sehen.

Durchaus chancenreich ist auch Senthuran Varatharajah. Sein Romanauszug "Vor der Zunahme der Zeichen" ist als Facebook-Dialog zwischen zwei ehemaligen Flüchtlingen gestaltet, die über ihre Kindheit, Herkunft, Familie ebenso diskutieren wie über Religion und Sexualität. Dem Text merkt man an, dass der aus Sri Lanka stammende Autor Philosophie studiert hat, ob die Integration der Internet-Dialogform in die Literatur so gelungen ist, dass es sich auch in einem Preis niederschlägt, ist spätestens Sonntagmittag klar. Die Vergabe der Preise beginnt um 11.00 Uhr, 3sat überträgt live.

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