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Kultur
07/08/2019

Autorin Irene Dische: "Großmama packt aus" soll TV-Serie werden

Die Bestsellerautorin im Interview über Trump, Angst, Fremdenfeindlichkeit – und neue Erkenntnisse als frischgebackene Großmama.

von Georg Leyrer

„Ich merke“, sagt die Autorin Irene Dische, „bei meiner Enkelin zum ersten Mal, dass neugeborene Babys wie Götter sind. Manchmal in Rage, manchmal wieder gnädig, und man himmelt sie grundlos an.“

Bei den eigenen Kindern sei man „viel zu müde“ für solche Beobachtungen, sagt sie.

Als frischgebackene Großmutter aber ...

Nein, eigentlich müsste es natürlich heißen: als Großmama. Denn nicht zuletzt mit ihrem Bestseller „Großmama packt aus“ (auf Deutsch 2006 erschienen) ist die 1952 in New York geborene Autorin im Leser(innen)gedächtnis präsent. So eine komplexe wie komplizierte Großmama lässt ein Autor, eine Autorin kaum je auf den Leser los: Sie ist moralisch auch in den übelsten Momenten fix eingenordet, beladen mit Urteilen und Liebe, bewaffnet mit Meinungen und Erlebnissen.

In der (dank Disches Sprache wunderbar kantigen) Erzählung einer solchen Großmama werden die deutsch-österreichische und katholisch-jüdische Vertreibungsgeschichte, die die Disches und die Rothers erlebten, und der schwierige Start in New York ganz neu eingefärbt. Die katholische Großmutter, der jüdische Wiener Arzt. Das „Vierte Reich“, ja wirklich, so wurde das deutsch-jüdische Emigranten-Viertel in New York genannt, in dem Irene Dische zur Welt kam, und wo sie Deutsch, nicht Englisch als Muttersprache erlernte.

Fernsehen

Und dieser einzigartigen Großmutter wird bald wohl nicht nur der Leser, sondern auch der Zuschauer begegnen: Das Buch wird derzeit als internationale TV-Serie zwischen Deutschland, London und den USA entwickelt. Denn „Großmama packt aus“ dreht sich im Kern um eine Migrationsgeschichte. Das Thema hat immer Aktualität und neue Aufmerksamkeit.

„Es gibt eine große Anzahl an Menschen, die Migranten ganz automatisch missbilligen“, sagt Dische. „Das hat gewiss nicht mit der Flüchtlingswelle begonnen. In Deutschland hat es Ausländerfeindlichkeit gegeben, schon als ich das Land das erste Mal besucht habe. Alle sagen, das ist jetzt so schlimm geworden. Ich finde, es hat sich nichts geändert.“

Dische schrieb zuletzt in „Schwarz und Weiß“ über das schwierige Zusammenleben, den Rassismus und die Zerworfenheit in den USA. „Ich bin als 16-Jährige kreuz und quer durch das Land gefahren und habe erlebt, wie die Menschen sind.“ Mit Trump sei es „jetzt wie in einer Ehe: Man hat den Partner, den man verdient. Und ich finde, die Amerikaner haben den Präsidenten, den sie schon lange verdienen.“

Gefahr gegen Angst

Als 16-Jährige?

Auch im Leben von Dische spielt Flucht eine prägende Rolle. Sie ist – noch als Schülerin – als Tramperin durch die Welt gereist. Das war, sagte sie einmal, auch ein Kampf gegen die Angst, die sie durch ihre Familiengeschichte mitbekommen hatte. „Niemand in unserer Familie sprach über die Vergangenheit, dieses Dauerschweigen macht Kindern Angst“, sagte sie heute. „Ich konnte ganz viele Sachen nicht machen, ohne ganz furchtbare Angst zu kriegen.“

Warum reist man dann? „In sehr gefährlichen Situationen verschwand diese Angst vollkommen. Ich hatte nie etwas dagegen, wenn man um mich herum schießt. Vor einem platzenden Ballon aber erschrak ich zu Tode.“

Die Angst konnte sie später dank Therapie abbauen. Wurde auch das Schweigen in der Familie gebrochen?

„Meine Mutter hat mich einmal in Berlin besucht“, sagt Dische. „Und sie ist drei Tage lang verschwunden. Sie ist nach Dachau gefahren. Und bekam da eine solche Migräne, dass sie sich für drei Tage in einem Hotelzimmer eingeschlossen hat, mit zugezogenen Vorhängen und Brechmittel. Von dem Tag an war die Tür aufgegangen. Sie fing an, darüber nachzudenken und zu sprechen.“

„Das“, betont Dische, „muss man übrigens auch bei den Flüchtlingen verstehen, die schreckliche Sachen erlebt haben. Die benehmen sich zwischendurch auch vielleicht komisch. Aber Derartiges zu erleben zerstört die Normalität.“

Eine Wohnung in Wien

Dische lebte viele Jahre lang ohne deutschen Pass in Berlin, musste in den 1980ern immer wieder nach Ostberlin, um neu einreisen zu können. „Ich bekam vor einigen Jahren Ärger in der Schweiz, weil ich drei Tage zu lange im Schengenraum war, und wurde am Flughafen verhaftet. Dann dachte ich: Jetzt reicht es mir. Ich habe so viele Jahre in Europa gelebt, Deutsch ist meine Muttersprache. Ich habe einen deutschen Mann geheiratet und zwei Kinder mit deutscher Staatsbürgerschaft, habe meine deutsche Steuer bezahlt.“ Deutschen Pass aber bekam sie keinen. Jetzt hat sie „in Wien eine kleine Wohnung – und einen österreichischen Pass, worauf ich sehr stolz bin. Bitte schreiben Sie das: Irene Dische ist eine austro-amerikanische Autorin.“