Kultur 09.05.2018

Autor Éric Vuillard: Nicht zur Tagesordnung übergehen

© Bild: APA/AFP/STEPHANE DE SAKUTIN / STEPHANE DE SAKUTIN

Der Prix-Gouncourt-Preisträger schildert in seinem grandiosen Buch „Die Tagesordnung“ Schlüsselszenen der Nazizeit

Es ist ein schmales, aber inhaltlich wie stilistisch großes Buch: Der Franzose Éric Vuillard erzählt in dem mit dem Prix Goncourt gekrönten Werk „Die Tagesordnung“ von der Machtergreifung Hitlers. Er erzählt etwa vom Treffen am Obersalzberg 1938, bei dem Hitler Schuschnigg nicht nur den „Anschluss“ Österreichs abpresste, sondern diesen auch wie einen dummen Schulbuben dastehen ließ. Oder vom Abschiedsessen des deutschen Botschafters in London, Ribbentrop, mit Premier Chamberlain just am Tag des Anschlusses von Österreich an Nazi-Deutschland. Vuillard ironisiert, verdichtet, schont keinen, arbeitet auf Pointen hin – und trifft präzise.

KURIER: Sie haben sieben Jahre lang für „Die Tagesordnung“ gebraucht. Was hat Sie an dem Thema so fasziniert?

Éric Vuillard: Ich habe ja nicht sieben Jahre lang an „Die Tagesordnung“ gearbeitet, weil ich immer an mehreren Sachen gleichzeitig schreibe. Was die Themenwahl betrifft: Ich treffe sie nicht per Dekret. Das entwickelt sich einfach. Ich bin beim Wiederlesen der Memoiren Churchills auf diese eine Passage gestoßen, als Ribbentrop bei Premier Neville Chamberlain zum Lunch geladen ist und diese Begegnung unnatürlich in die Länge zieht. Chamberlain erfährt währenddessen vom Einmarsch Hitlers in Österreich, hat aber nicht die Courage, das Treffen sofort zu beenden. Diese Szene passte letztendlich genau zur Appeasement-Politik Großbritanniens: Entscheidend war nicht, was die Briten taten, sondern was sie nicht taten. Literatur kann solche kleinen, aber wichtigen Details gut beleuchten und auf den Punkt bringen.

Das Buch ist kurz, aber sehr dicht geschrieben. Ist diese Kürze ein bewusstes Stilmittel?

Meine Bücher sind immer kurz. Bei mir gibt es keine lineare Geschichte, keinen traditionellen Aufbau. Es ist eine Mischung aus Reflexionen meinerseits und einer Schilderung von Schlüsselszenen, die ich absichtlich nicht zu ausführlich beschreibe. So bin ich, denke ich, näher an der Realität und näher am Leser. Die Kürze schüchtert die Leute nicht ein. Ihnen wird nicht vor Augen geführt, was sie nicht wissen, sondern sie sollen erkennen, was sie aus entscheidenden Momenten der Geschichte mitnehmen können.

© Bild: Matthes Seitz Verlag

Ein weiteres Ihrer Stilmittel ist Ironie. Mit Lachen lässt sich mehr bewirken als mit Belehrungen, oder?

Die Ironie wohnt unserer Realität inne. Wir entkommen der artifiziellen, einstudierten Sprache der Protagonisten unserer Zeit nicht. Betrachtet man diese Inszenierungen aus der Distanz, so wirken sie – wie in meinem Buch – allerdings ziemlich lächerlich. Wie konnten die Menschen nur auf diese Popanze und Misanthropen hereinfallen? Zwischen guter Fiktion und Realität ist leider nicht viel Unterschied.

Sie sind bekennender Charlie-Chaplin-Fan. War dieser auch eine Inspiration für Ihr Buch?

Ich habe oft an ihn gedacht. Chaplin hat, als Hitler auf den Höhepunkt seiner Macht zusteuerte, gesagt: „Die Geschichte ist jetzt zu groß für einen kleinen Vagabunden“. Chaplin erkannte, dass der liebenswerte Charlie, eine der bekanntesten Figuren der Filmgeschichte, nichts ausrichten konnte gegen das, was da an Unmenschlichkeit auf die Welt zukam. Chaplin, der ja selbst aus ärmsten Verhältnissen stammte, hat damit mehr politisches Gespür und mehr Weitsicht bewiesen als etwa Chamberlain.

Sehen Sie Parallelen zwischen der politischen Entwicklung in den Dreißigerjahren und heute?

Ja, sicher, der Buchtitel hat schon etwas Heutiges. Man geht doch so gerne zur Tagesordnung über und widmet sich oberflächlich einem neuen Thema. Mein Buch ist in Frankreich im vergangenen Jahr zwischen den zwei Wahlgängen zur Präsidentenwahl erschienen und wurde als Fanal dessen gesehen, was passiert, wenn der Ruf nach einem starken Mann (in diesem Fall einer starken Frau, Marine Le Pen) lauter wird. Als Macron dann gewählt war, hieß es plötzlich: Dein Buch handelt von einer starken Ökonomie, von der Macht des Geldes. Von den Ungleichheiten, die diese Macht erzeugt. Die Interpretation hatte sich innerhalb von zwei Wochen total verändert. Für mich ist viel wichtiger, dass es neben möglichen aktuellen Bezügen eine tiefer gehende Realität hat: Dass die Ungleichheiten in der Gesellschaft wachsen. Dass ein immer größerer Teil der Bevölkerung vom Wohlstand ausgeschlossen sein wird. Das sind Probleme, die uns noch sehr beschäftigen werden.

( kurier.at ) Erstellt am 09.05.2018