© Carl Van Vechten

Kultur
07/31/2012

Auf Messer Schneide - Von William Somerset Maugham

Voller Sympathie begleitet Maugham seine Figur auf einer Sinnreise und lässt uns an Wahrheitssuche und Spiritualität teilnehmen.

"Auf Messers Schneide" ist bis heute der bekannteste und vermutlich auflagenstärkste Roman des Bestsellerautors William Somerset Maugham. Seine Bücher haben ihn zum Millionär gemacht, zum Besitzer einer herrschaftlichen Villa an der Côte d’Azur. Bei so viel Licht gab es aber auch Schatten: Zum einen neideten die Literaturkritiker ihm lange Zeit seinen Massenerfolg, zum anderen litt der englische Schriftsteller seit seiner Jugend an Lungenschwäche – Tuberkulose war es denn auch, die 1965 das Leben des 91-Jährigen beendete. Maughams Kindheit war ebenfalls keine strahlende: Beide Eltern sterben sehr früh, sein Onkel, der den heftig stotternden Bub aufnimmt, ist ein bigotter Pfarrer. Ihm wird Maugham 1915 mit seinem Roman "Des Menschen Hörigkeit" ein vernichtendes Denkmal setzen.

Auf dieses Buch folgen 1919 "Silbermond und Kupfermünze", ein Künstlerroman über Paul Gauguin, 1938 "Die halbe Wahrheit" und 1943 schließlich "Auf Messers Schneide". Dieser wunderbar vollendete Entwicklungsroman – klassisch in seiner Sprache, modern in seinen Ansichten – ist wahrscheinlich Maughams bestes Werk: Erzählt wird die Geschichte von Larry (Laurence) Darrel, der mehr will, als die Leichtlebigkeit der "Roaring Twenties" in Amerika – der Zeit von Charleston, Prohibition und Bubikopf – zu bieten hat. Geld, Macht und oberflächliches Leben, all das interessiert den neugierigen Larry kaum. Unter anderem distanziert ihn auch die traumatisierende Erfahrung des Ersten Weltkriegs von dieser Welt. Larry möchte wissen, "ob ich eine unsterbliche Seele habe oder ob mit meinem Tod alles zu Ende ist". So lässt er Verlobte und Freunde hinter sich, geht erst nach Paris, dann nach Indien. Somerset Maugham zeichnet dieses Leben warmherzig, intensiv und voller Witz nach: Da lernt Larry wahren religiösen Glauben durch einen priesterlichen Hochstapler kennen, da werden Snobs, wie jener herrlich überzeichnete Elliot Templeton, dadurch charakterisiert, dass er sich nach dem erlangten Adelstitel sogleich eine Grafenkrone in die Unterwäsche sticken lässt. Voller Sympathie begleitet Maugham seine Figur auf der Sinnreise und lässt uns an Wahrheitssuche und Spiritualität teilnehmen.

"The Razor’s Edge" ist eben beides – anspruchsvoll und doch unterhaltsam. Und außerdem visionär: Maugham nimmt schon 1943 jenes Lebensgefühl vorweg, das später die Hippie-Generation für sich entdecken sollte. Bemerkenswert kunstvoll ist die Form des Romans: Larry taucht sporadisch, aber regelmäßig auf, viele Jahre vergehen zwischen den einzelnen Episoden, und der Zeitpunkt seiner Sinnsuche bleibt im Dunkeln. Larry verschwindet in Amerika so unspektakulär, wie er am Anfang des Romans auf einer Dinnerparty auftauchte. Berichtet wird dieses Leben vom "wirklichen" Maugham: Der Schriftsteller gibt sich im Text ganz unverblümt zu erkennen und spricht die Leserinnen und Leser direkt an. Er kenne einen Mann, von dem er erzählen möchte, fragmentarisch, wie das im Leben eben so ist. "Ich habe nichts erfunden", behauptet Maugham unverfroren. Und doch funktioniert dieser Kunstgriff: Larry, die Hauptfigur des Romans, wird dadurch noch lebensechter – nicht nur zum Freund Somerset Maughams, sondern auch zum Gefährten der Lesenden.

Es gab Zeiten, als mehr Theaterstücke von William Somerset Maugham gespielt wurden als von Shakespeare. Heute sind diese Dramen kaum mehr bekannt, anders als "Auf Messers Schneide". Dieser Roman wird noch lange gelesen werden – zu viel von Larry Darrel, jenem großen Verweigerer und Sinnsucher, steckt in jedem von uns.

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