© Fake Festivals

Kultur
09/22/2019

Auf Fake Festivals rocken New2 und Oasish statt U2 und Oasis

In England boomen Open-Airs mit Tribute-Bands wie Coldplace (im Bild oben), die die Ära der ikonischen Rock-Acts hochhalten

von Brigitte Schokarth

Alle Hits von Coldplay, Oasis und U2 an einem Nachmittag auf einem einzigen Festival für nur 40 Euro hören!

Klingt utopisch? Ist es nicht. Zumindest nicht in England. Denn dort boomt die Szene der Tribute-Band-Festivals. Acts wie Wrong Jovi, Pearl Scam, Antarctic Monkeys oder Green Date haben diesen Sommer dabei mehr Besucher denn je angezogen.

Jeremy „Jez“ Lee, der mit seinen „Fake Festivals“ auf Tour durch Städte wie Leeds, Norwich oder Peterborough geht, hat gerade die beste Saison seiner Karriere beendet. 24 von 36 seiner samstäglichen Events waren ausverkauft. Ebenso das dreitägige „The Big Fake Festival“ mit allen 24 seiner Bands.

75 Minuten nur Hits

„Die Leute lieben die Fake Festivals, weil es ein leistbares Event in ihrer Nähe ist, an dem sie all ihre Lieblingssongs live hören können“, erklärt Lee im KURIER-Interview. „Die Ticketpreise für die echten Bands sind in den letzten Jahren von rund 50 auf mehr als 100 Euro hochgeschossen. Leute am Land müssten dafür zusätzlich sehr weit in die großen Städte fahren. Außerdem hört man bei unseren Shows 75 Minuten lang nur Hits. Tribute-Bands spielen keine Album-Tracks, weil sie kein Album bewerben müssen.“

Die Idee zu den Festivals kam Lee, als er bei einer Double-Agentur arbeitete, die neben Marilyn-Monroe- und David-Beckham-Doppelgängern auch Tribute-Bands vermittelte. „Ich hatte zwei unserer Acts nach Malta gebucht, wo meine falschen Queen und falschen U2 vor dem echten Bob Geldof auftraten, und durfte sie dorthin begleiten. Da spielten sie auf dieser großen, für Geldof eingerichteten Bühne mit tollem Licht, und die Leute feierten sie, als wären es die echten Bands – weil sie die Originale in Malta nie zu Gesicht bekommen.“

Deshalb legte Lee sein erstes Festival als Dorffest mit Rockmusik in seiner kleinen Heimatgemeinde an. „Das war 2007. Damals habe ich 350 Karten verkauft. Danach bekam ich die ersten Anfragen, so etwas auch in anderen Gemeinden zu veranstalten. Heute kommen 1800 bis 2000 Leute pro Festival-Tag.“

Lee ist aber nicht der einzige, der Derartiges anbietet. Das „Tribfest“ in Yorkshire hatte heuer 170 Acts und 5000 Besucher, „Glastonbudget“ hat gerade mit The Bootleg Beatles, Guns 2 Roses und Mercury (eine Queen-Tribute-Band) die ersten Acts für die am 22. Mai 2020 startende 16. Auflage bekannt gegeben.

30 Millionen Umsatz

Auch wenn Paul Morley, einer von Großbritanniens wichtigsten Musikkritikern, das dabei Gebotene als „verwässerte Version der ikonischen Eigentums von Pop-Stars am Zenit ihre Könnens“ sieht, macht diese Szene in Großbritannien mit mehr als 30 derartigen Events rund 30 Millionen Euro Umsatz im Jahr.

„Natürlich sind das nicht die echten Bands“, sagt Lee zu diesem Vorwurf. „Aber sie sind unheimlich engagiert und studieren hingebungsvoll viele Jahre lang das Original. Sie geben alles,  um nicht nur so zu klingen wie der Act, den sie imitieren, sondern den Vorbildern auch in den Tanzbewegungen, der Gestik und den Moderationen zu gleichen.“ Die oft verblüffende Ähnlichkeit seiner Tribute-Bands mit den Vorbildern ist Lees Kapital – und ihm „speziell bei den Sängern“ das Wichtigste. Denn seine Kunden sind zwischen 30 und 65 Jahren alt, haben oft auch die Originale live gesehen und sind deshalb auch kritisch.

„Die Ära dieser großen Rockbands geht zu Ende“, sagt Lee. „Viele Bands arbeiten nicht mehr. Ihre Fans wollen aber nicht auf das Live-Erlebnis verzichten. Deshalb kommen sie zu uns. Und selbst wenn die Bands noch aktiv sind, sind sie selten auf Tour, und wenn, dann rasend schnell ausverkauft.“

Aus diesen Gründen ist das Ansehen der Tribute-Acts in den letzten Jahren enorm gestiegen. Und es wird weiter steigen, je mehr der ikonischen Stars aufhören oder versterben. So spielen Björn Again (Abba) oder die Australian Pink Floyd Show mittlerweile bei Festivals wie Reading oder Glastonbury vor Kylie, Cher oder Metallica.

Vom Original gefördert

Wie hoch die Fake-Acts mittlerweile im Kurs stehen, sieht man auch an Reaktionen der Originale. Jon Bon Jovi trat sogar einmal mit der Jon Bon Jovi Experience auf, weil er von ihr begeistert ist. Aber auch Debbie Harry fördert ihr Double Michelle Hendriks von Blondied. Denn natürlich profitieren auch die Stars selbst von einer guten Tribute-Band, bekommen als Urheber der Songs Tantiemen und eventuell neue Fans dazu. „Wenn jemand wegen Coldplay kommt und dabei draufkommt, dass Green Day viele Songs haben, die er mag, geht er heim und kauft sich die Hits-CD“, sagt Lee.

In Österreich gibt es mit den Stonez oder The Doors Experience hervorragende Tribute-Bands mit internationalem Ruf. Das Orpheum organisierte im April eine „Covernight“, und das Donauinselfest hatte eine Tribute-Band-Bühne. Trotzdem ist die Szene noch überschaubar.

Aber vielleicht nicht mehr lang. 2021 will Lee seine „Fake Festivals“ nach Europa exportieren. Und sicher nicht mit britischen, sondern mit heimischen Bands. „Es soll ja leistbar bleiben. Das geht nicht, wenn wir die Musiker aus England einfliegen.“