Kultur
10.04.2018

Anton Romako: Taumelnd in die Zukunft

© Bild: Belvedere Wien

Die endlos faszinierende Malerei von Anton Romako, aufbereitet in einer umfassenden Schau im Leopold Museum.

Kein fühlender Mensch kann von Anton Romako nicht fasziniert sein, sagt Elisabeth Leopold – und sie muss es wohl wissen, hat sie doch mit ihrem Ehemann Rudolf (1925 – 2010) das Werk des geheimnisvollen österreichischen Malers (1832 – 1889) über Jahrzehnte verfolgt, gesammelt, diskutiert.

Woran aber liegt es, dass einen die Gemälde dieses Künstlers, die nun in einer sehr schönen Überblicksausstellung im Leopold Museum (bis 18.6.) aufgereiht sind, nicht in Ruhe lassen, wie es sonst so viele Gemälde des 19. Jahrhunderts tun? Auch bei Romako scheint vieles dem heutigen Lebensgefühl fern, wirkt schwülstig, kitschig gar. Und doch pulsieren diese Bilder, als würde jeden Moment etwas anderes aus ihnen hervorbrechen, dem Monster aus dem „Alien“-Film gleich.

© Bild: Leopold Museum/Manfred Thumberger

Rückwärts nach vorn

Man fühlt sich bei Romako an Marshall McLuhan erinnert, der darauf hinwies, dass sich der Mensch, mit neuen Entwicklungen konfrontiert, gern an bekannten Formen anhalte, weshalb etwa die frühen Autos wie Kutschen aussahen: „Wir marschieren rückwärts in die Zukunft.“ Entsprechend trägt die Schau des Leopold Museums den „Beginn der Moderne“ im Untertitel, äußerten doch viele Fackelträger der Moderne – allen voran Oskar Kokoschka – ihre Bewunderung für Anton Romako.Allerdings lässt sich angesichts der Vielgestaltigkeit von Romakos Werk kaum eine klare Marschrichtung feststellen, sondern eher ein rauschhafter Taumel.

Besonders im ersten Saal, der dem Frühwerk gewidmet ist, überwiegt die Süße: In Rom, wo Romako von 1856 – 1876 lebte, reüssierte er mit Bildern von Fischerjungen und Hirtenmädchen, gern mit erotischem Unterton, Touristen kauften so etwas gern. Allerdings sprengte der Maler bei der Leinwandgröße das Souvenir-Format und lehnte sich in der Komposition an barocke Vorbilder an: Das Historiengemälde, das angesehenste Bildgenre jener Zeit, sollte in Rufweite bleiben.

© Bild: Landessammlungen Niederösterreich

Als „Historienmaler“ stellte sich Romako auch vor, als er 1876, von seiner wohlhabenden Frau sitzengelassen, nach Wien zurückkehrte. Allerdings blieben große Aufträge aus, es entstanden Porträts und Szenerien, aus denen jede Sicherheit gewichen ist: Das „Mädchen, einen Wildbach überschreitend“ droht ebenso abzustürzen wie der „Edelweißpflücker“ (beide: 1880/’82), die porträtierten Damen haben oft einen jenseitigen Schimmer im Blick, als hätten sie sich gerade eine giftige Substanz zugeführt.

Bodenlos

© Bild: Leopold Museum/Manfred Thumberger

Es fällt auf, dass Romako seine Figuren in dieser Zeit kaum mehr an einem stabilen Ort stehen lässt: Jedes Raumgefüge scheint in einem diffusen Nebel aufgelöst, immer wieder lässt die Farbe ihre Illusionswirkung fahren und wird als Material sichtbar. Der an Goya gemahnende „Totentanz auf dem Schlachtfeld vor brennenden Ruinen“ (1882/’85) ist ein Bild, in dem dieses Stilmittel auf die Spitze getrieben wird.

© Bild: Belvedere, Wien

Mehr noch als bei anderen Vorvätern der Moderne – neben Goya wäre auch Edouard Manet zu nennen – überlagern sich bei Romako gegenläufige Tendenzen: Das Surreale, das Impressionistische, das Theatralische ist etwa im Werk „Odysseus und Circe“ (1884/’85) auf eine völlig durchgeknallte Weise verknüpft.

Das von Romakos Zeitgenossen geschmähte Meisterwerk „Tegetthoff in der Seeschlacht bei Lissa“ (1882) – als Leihgabe des Belvedere in der Schau zu sehen – lässt sich dem gegenüber als ein Versuch verstehen, der Vielgestaltigkeit zu entkommen. In diesem Werk ist jegliche Detailschilderung zugunsten der Atmosphäre zurückgedrängt, man sieht nur Dampf, Technik, Geschwindigkeit, eben Modernität. Und der Admiral blickt nicht mehr zurück, sondern mit starrem Blick nach vorne: Es gibt nur mehr die Option „Volle Kraft voraus“.