Kultur
09.09.2018

Anna Calvi singt für Lust ohne Scham

Die Musikerin hat ihr Album "Hunter“ der Gleichstellung von Mann und Frau - auch in Bezug auf Sexualität - gewidmet.

Straßburg ist ein adrettes Städtchen. Aber auch konservativ. Das erfuhr Anna Calvi, als sie plante, mit ihrer Freundin dorthin zu ziehen. „Wir wollten eine Wohnung mieten. Die Vermieterin fragte: ,Sind Sie Studentinnen, Freundinnen?’“, erinnert sich Calvi im KURIER-Interview. „Wir sagten: ,Nein, wir sind ein Paar!‘ Daraufhin ging sie aus dem Raum. Als sie wiederkam, sagte sie: ,Tut mir leid, wir haben nichts für Sie!‘“

Calvi blieb trotzdem in Straßburg, fand mit ihrer Freundin eine andere Wohnung und schrieb dort ein einnehmendes Album über das Loslassen der stereotypen Rollenbilder der Geschlechter. „Hunter“ hat sie es genannt, denn sie wollte damit auch „erforschen, wie es wäre, wenn die Frau als Jägerin anstatt als Gejagte gesehen wird.“

Dabei setzt die 37-Jährige musikalisch weiterhin auf Kontraste: Etwa dem, zwischen dem mal sanften, mal exzessiven Klang ihrer E-Gitarre. Oder auf die Kontraste in der Instrumentierung, die genauso reduziert wie üppig mit Streichern unterlegt ist. Auch ihre Singstimme wechselt mühelos von rauchig und gedämpft in exaltierte, dramatische Höhen. Aus all dem macht Calvi sinnliche, melodiöse Songs, die mit ihrer Intensität fesseln.

Paradies Liebe

Einer der Schlüsselsongs von „Hunter“ ist „Eden“, bei dem sie die schwierige erste Liebe eines homosexuellen Teenagers als paradiesisch visualisiert. „Ein heterosexueller Teenager muss sich nur die Frage stellen: Wird er oder sie mich mögen? Wird es mit dem Sex klappen? Bei gleichgeschlechtlichen Paaren kommen aber Fragen dazu wie: Was bedeutet das für meine Identität? Wie sage ich es meinen Eltern? Wird meine beste Freundin noch meine beste Freundin sein, wenn ich es ihr sage? Das ist eine Belastung. Aber ich finde, alle Menschen sollten diese so aufregende Zeit frei von derartigem Ballast erleben dürfen.“

 

Calvi selbst, die in London geboren wurde und jetzt wieder zurückkam, weil ihre Familie dort ist, hatte mit 16 ihre erste Freundin. Immer wieder wurde sie damals angestarrt, oder sogar homophob beschimpft, wenn sie mit ihr Händchen haltend durch die Stadt ging. „Seither hat sich viel geändert“, sagt sie. „Aber anstatt normal, ist es immer noch eine Entscheidung, ob man als gleichgeschlechtliches Paar Händchen hält. Bei einem heterosexuellen Paar wird das nicht registriert. Bei einem homosexuellen schon. Und es gibt ein geringe Chance, dass man deshalb beleidigt wird.“

Stolz statt kontrolliert

So propagiert jeder Song von „Hunter“ die unterschiedlichen Facetten der Gleichstellung von Mann und Frau, darunter auch in Fragen der Sexualität. „Die weibliche Sexualität ist immer noch sehr kontrolliert. Frauen wird gesagt, dass sie darauf nicht stolz sein dürfen, dass sie sie nicht erforschen sollen, weil das nicht angemessen und sogar abträglich ist. Für Männer aber ist es großartig, wenn sie ihre Sexualität stolz präsentieren. Diese Doppelmoral macht mich wütend. Deshalb wollte ich mit ,Hunter‘ auch eine Platte machen, die die Lust der Frauen ohne jede Art von Scham und von der Gesellschaft auferlegter Schande beleuchtet.“

Einfach war das nicht für Calvi. Denn nach wie vor ist die zierliche Tochter einer Engländerin und eines Italieners sehr schüchtern. Aber: „Das ist ja das Großartige an der Kunst. Dabei kannst du ohne Vorbehalte jede Version von dir sein, die du möchtest, gefahrlos in diese Version einsteigen und nachspüren, wie es wäre, so zu sein.“

In dem Song „As A Man“ versetzt sich Calvi deshalb in die Rolle des anderen Geschlechtes. Ihr Resümee daraus? „Männer werden dämonisiert, wenn sie weiblich, verletzlich und emotional sind. Das muss schwer sein. Genauso wie es für eine Frau schwer ist, wenn erwartet wird, dass sie immer körperlich perfekt und in ihren Begierden zurückhaltend auftritt. Beides ist unrealistisch in Bezug darauf, ein Mensch zu sein. Also müssen diese Rollenbilder zwangsläufig zu Problemen führen.“

INFO

Anna Calvi tritt am 15. November in Wien in SimmCity auf.